Sogenannte Klassefrauen

von Erich Kästner - Eine philosophische Reflexion

Autor: Gerd Raudenbusch
Stand: 06.11.2026

Kim Chi at RuPaul's DragCon LA 2018.

Kim Chi at RuPaul's DragCon LA 2018.
Quelle: dvsross auf Wikipedia unter CC-BY-2.0

Philosophische Reflexion zum Titelbild

Der Anstieg: Die F64-Diagnosen (Störungen der Geschlechtsidentität) bei 5- bis 24-Jährigen stiegen in Deutschland von 22,5 pro 100.000 (2013) auf 175,7 pro 100.000 (2022) – ein Achtfach. Besonders betroffen sind 15- bis 19-jährige Mädchen: 452,6 pro 100.000, ein Zwölffach seit 2013. 72,4 % der Betroffenen haben mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose (Depression, Angststörung, Persönlichkeitsstörung, PTBS).

Die Desistenz: Die wichtigste Studie (Münster/Hamburg, 2024, n = 7.885, fünf Jahre longitudinal): Nach fünf Jahren haben nur 36,4 % die Diagnose noch. Bei 15- bis 19-jährigen Mädchen: 72,7 % desistieren. Die 2025er S2k-Leitlinie (AWMF) formuliert das explizit: „Die meisten jungen Menschen mit genderbezogenen Problemen sind wahrscheinlich vorübergehend mit ihrem Geschlecht unzufrieden und sollten sich keiner Transition unterziehen."

Die Leitlinie: Die S2k-Leitlinie (März 2025) wurde von S3 auf S2k herabgestuft – es gibt keine evidenzbasierten Empfehlungen, nur Expertenkonsens. Pubertätsblocker frühestens ab Tanner II, Hormone erst nach „stabiler, anhaltender Genderinkongruenz über mehrere Jahre". April 2026: Die AfD fordert ein Moratorium; die Bundesregierung räumt in einer Kleinen Anfrage ein: Keine Zahlen, kein Register, keine Studien zu Langzeitfolgen.

Das ist der Kästner-Mechanismus in Echtzeit: Die „Mode" ist nicht die Hormontherapie selbst, sondern das Narrativ, das sie als einzigen Ausweg rahmt. Wer die Diagnose „Geschlechtsdysphorie" als Identität statt als Zustand versteht, hat den Schritt von der Diagnose zur Behandlung bereits im Kopf. Die 72,7 % Desistenz bei 15- bis 19-jährigen Mädchen zeigen: Es war ein Zustand, keine Identität. Aber in der Zwischenzeit war die Hormontherapie schon eingeleitet.

Wenn also eine Dragqueen – ein biologischer Mann – sich als Verteidigerin der Frau positioniert, dann setzt das voraus, dass die Performance (das Weibliche) mit der Person (dem Mann) identisch ist. Wenn man diese Identität nicht annimmt – wenn man sagt: Du bist ein Mann, der eine Frau darstellt –, dann ist die Verteidigung der Frau bedingungslos: Sie verteidigt die Frau als Mann, der die Frau nachahmt. Und Nachahmung ist immer Abstand und auch eine Farce, ein Eidolon, ein Faximilé. Der Mann, der die Frau darstellt, ist nicht die Frau – und kann sie deshalb auch nicht von innen vertreten.

Die Dragqueen verteidigt die Frau also nicht von innen, sondern von außen – als Zeiger der Frau, nicht als Träger der Frau. Die Dragqueen sagt: Seht, was eure „Frau" ist – ein Konstrukt, das ein Mann anlegen kann. Das ist keine Verteidigung der Frau als Subjekt, sondern eine Demontage der Frau als Kategorie. Kästners „Klassefrau" hingegen ist das Konstrukt – sie weiß es nicht. Die Dragqueen zeigt das Konstrukt – sie weiß es. Aber sie zeigt es von außen, und wer von außen zeigt, gehört nicht dazu.

Ein heterosexueller Mann, der Drag macht, hat noch einen dünnen Faden zur Frau: das Begehren. Die Performance ist geprägt von dem Willen, die Frau zu wollen, ohne sie zu sein – das Eidolon, das Abbild enthält hier noch die Schattenseite, die zum Original zeigt. Ein homosexueller Mann jedoch hat diesen Faden nicht. Die Femininität in der Performance ist rein ästhetisch, politisch, performativ – aber nicht begehrensgestützt. Sein dargestelltes Eidolon hat keine Schattenseite mehr, die zum Original zeigt, stattdessen ist es vollständig verdeckt. Das Sichtbar-Machen des Mangels funktioniert noch, denn Beobachtung von außen braucht kein Begehren. Das Vertreten jedoch, das Sprechen für, bricht: Wer für jemanden spricht, braucht eine Verbindung, und wenn die Verbindung das Begehren ist, fehlt sie. Was davon übrig bleibt, ist Sympathie, und die reicht für eine echte Vertretung nicht, sie reicht für Zeigen. In der öffentlichen Debatte, wo Zeigen und Vertreten nicht unterschieden werden, bricht das Argument in der Wirkung: Das Publikum hört nicht „Er zeigt, was mit dem weiblichen Körper geschieht", sondern „Er ist die Frau und sagt, was die Frau will" – und das nimmt der Frau den Wind aus den Segeln. Man muss Kim Chi nicht kennen, um zu sehen, dass seine Performance strukturell anders ist als die der „Klassefrau", aber man muss schlicht darauf vertrauen, wenn es um seine Absicht geht, was von außen nicht zu verifizieren ist. In der öffentlichen Debatte wird stets die Absicht zum Kriterium, nicht die Form. So besteht durch Kim Chi's Homosexualität die unüberprüfbare Frage im Raum, ob die Dragqueen, mit der er durch Überzeichnung die Probleme der Frau darstellt, nicht wiederum nur ein "Kostüm" und eine Fassade für schlichten Kleider- und Modefetisch im Sinne von Kästners Klassefrau ist; eine Frage, sie sich bei einer heterosexuellen Dragqueen nicht stellen würde.

Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die Klassefrauen,
weil es Mode ist, die Nägel rot !
Wenn es Mode wird, sie abzukauen
oder mit dem Hammer blauzuhauen,
tun sie's auch. Und freuen sich halbtot.

Philosophische Reflexion der Strophe

Reflexion: Die Strophe zeigt den Körper als reines Objekt äußerer Normen. Die AEMR (Art. 1) garantiert jedem Menschen Freiheit und Gleichheit der Würde – doch wer den eigenen Körper ausschließlich als Träger modischer Vorgaben begreift, überträgt seine Selbstbestimmung an ein kollektives Diktat. Die junge Generation, die sexuelle Freiheit und Geschlechtergleichheit als selbstverständlich verinnerlicht, stellt inzwischen genau diese Übertragung infrage: "Wer bestimmt über meinen Körper und meine Sexualität?"

Das Infragestellen von erkauftem Status und Ansehen gegenüber wahrer Freundschaft oder Schönseit hat ebenso John Hughes infrage gestellt, indem er sich, entgegen der bisherigen Teenager-Filme (Eis am Stiel, Porky's, usw.), welche die adoleszierenden Jugentlichen lächerlich, triebhaft und unkultiviert dastehen ließen, gegen die Eltern und nicht gegen die Jugentlichen wendete.

Die ersten beiden Zeilen beschreiben, wie die Schönheit von jungen Mädchen dahinschwindet in dem Moment, wo sie beginnen, anstatt an sich, an die Mode zu glauben. In den restlichen Zeilen der Strophe beschreibt Kästner, wo die Hörigkeit der Mädchen zur Modeindustrie endet: Sie würden zusätzlich zu den Produkten auch jeden körperlichen Schmerz in Kauf nehmen. Und das tun zumindest jene, die beispielsweise Botox spritzen.

In Deutschland beginnen junge Frauen heute in der Regel ab Mitte 20 mit sogenannten „Baby Botox"-Injektionen, die keine vorhandenen Falten glätten, sondern deren Entstehung verhindern sollen. Der Anteil der unter 30-Jährigen an allen Botox-Patienten ist in den letzten Jahren von 2,6 % auf knapp 9 % gestiegen; in den USA stiegen die Behandlungen bei 20- bis 29-Jährigen zwischen 2019 und 2022 um über 70 %. Getrieben wird der Trend vor allem von Social-Media-Filtern, die ein optimiertes Selbstbild erzeugen, und vom Narrativ der Prävention – „Falten verhindern" klingt weniger invasiv als „Falten korrigieren". Bei 15 bis 20 Minuten Behandlungsdauer und Kosten von 150 bis 400 Euro ist die Hemmschwelle niedrig. Die meisten Fachärzte raten dennoch von Behandlungen unter Mitte 20 ab, da die Haut in diesem Alter noch ausreichend elastisch ist und dynamische Fältchen sich von selbst zurückbilden.

Philosophen:

  1. Simone de Beauvoir (Das andere Geschlecht, 1949): „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." – Die Weiblichkeit ist kein Naturzustand, sondern ein soziales Konstrukt, das sich über äußere Normen formt.

  2. Michel Foucault (Überwachen und Strafen, 1975): „Der Körper ist die Grundlage, auf der die Macht sich ausübt." – Disziplinäre Macht formt den Körper durch wiederholte Praktiken; die Mode ist eine weiche Disziplinierungstechnik.

  3. Judith Butler (Gender Trouble, 1990): „Gender ist eine repetitive Handlung, die den Körper als Zeichen produziert." – Was wir für natürlich halten, ist eine performative Wiederholung, die sich durchbrechen lässt.

Wenn es Mode wird, die Brust zu färben,
oder falls man die nicht hat, den Bauch . . .
Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben oder sich die Hände gelbzugerben, bis sie Handschuhn ähneln, tun sie's auch.

Philosophische Reflexion der Strophe

Reflexion: Hier steigert Kästner ins Absurde: Der Körper wird so extrem verändert, dass er zur puren Oberfläche wird. Die AEMR (Art. 3: Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit) setzt einen Schutzrahmen, den die bloße Modenfolge ignoriert. Die aktuelle Neuorientierung der jungen Generation – Körperautonomie als positives Recht, nicht als Pflicht zur Selbstoptimierung – ist die Gegenbewegung: Der Körper gehört dem Subjekt, nicht dem Trend.

Die Strophe zeigt den Körper als Ort, an dem alles, was von innen kommt – Stimme, Instinkt, Lebenskraft, Berührung – in etwas von außen Aufgelegtes verwandelt wird. Die junge Generation, die Körperpolitik als innere Praxis versteht – nicht als Färbung, sondern als Verdauung –, steht hier diametral zu Kästners Bild.

Brust und Bauch im tieferen Sinn: Die Brust ist im Deutschen der Ort der Stimme und des Atems – „aus voller Brust" heißt: mit innerer Überzeugung, mit dem ganzen Atem sprechen. Sie ist zugleich der Ort der Nahrung (Säugfähigkeit, das Leben Geben) und des Herzens (Gefühl, Leidenschaft). Der Bauch ist der Ort des Verdauens, also der Umwandlung des Aufgenommenen in Eigenes – und zugleich der Sitz des „Bauchgefühls", jener Intuition, die dem Bewusstsein vorausgeht. Wer die Brust färbt, macht den Ort der Stimme zur Leinwand; wer den Bauch färbt, macht den Ort der Verdauung und des Instinkts zur Dekoration. Kästners Pointe mit „falls man die nicht hat, den Bauch" ist dabei doppelbödig: Sie entwertet die Brust als bloßes Accessoire (wer keine hat, nimmt den Bauch) und reduziert den Bauch, der eigentlich der tiefere, unbewusstere Ort ist, auf dasselbe Niveau wie die Oberfläche.

Tiere mit gefärbter Brust und gefärbtem Bauch: In der Natur ist eine gefärbte Brust kein Makel, sondern ein Signal – des Rotkehlchens, des Gimpels, des Bluthänflings (rot), der Schafstelze, des Pirols, der Goldammer (gelb), des Bienenfressers (türkis). Die Farbe ist dort Lebenskraft, Gesundheit, Geschlechtsreife – sie entsteht durch Carotinoide aus der Nahrung und signalisiert: Ich bin stark genug, um Farbe zu zeigen. Kästner entleert genau dieses Signal: Bei den „Klassefrauen" ist die Farbe nicht Lebenskraft, sondern Mode – ein aufgeklebtes Zeichen ohne inneren Grund.

Gelbe Hände und Hühner: Die Assoziation mit dem Huhn ist naheliegend – gelber Schnabel, gelbe Füße, gelbe Haut unter dem Federkleid – und passt zum allgemeinen Tiermotiv der Strophe. Doch „gelb" trägt in der deutschen Farbsymbolik seit dem Mittelalter auch die Konnotation von Verrat, Neid, Vergiftung (Schwefel, Gelbsucht). Die Hände „gelbzugerben" heißt: Sie werden gerbt – also wie Leder behandelt, abgetötet, unempfindlich gemacht.

Der Handschuh: Hier liegt der Kern der Deutung, und sie ist stark: Der Handschuh ist die Vermittlung, die den direkten Kontakt zwischen Hand und Welt abschirmt. Die Hand ist das Organ der Handlung im wörtlichen Sinn – sie greift, formt, berührt. In Handschuhen hat man kein Gefühl mehr für das, was man tut. Die „Klassefrauen" handeln, aber ohne zu spüren, was sie tun. Die gelben, gerbten Hände, die Handschuhen ähneln, sind Hände, die schon Handschuhe sind – die Distanz ist nicht mehr angelegt, sie ist eingebaut. Das Handeln ist da, das Gefühl ist weg.

Philosophen:

  1. Byung-Chul Han (Müdigkeitsgesellschaft, 2010): „Die Leistungsgesellschaft ist die Gesellschaft der Selbstausbeutung. Das Leistungssubjekt beutet sich selbst aus." – Der Körper wird zum Projekt der Selbstoptimierung; die Grenze zwischen Freiheit und Zwang verschwimmt.

  2. Hannah Arendt (Menschen, 1958): „Der Körper ist das Medium, durch das der Mensch in die Welt tritt." – Wer den Körper nur als Objekt der Veränderung begreift, verliert die politische Handlungsfähigkeit, die an die körperliche Präsenz gebunden ist.

  3. Roland Barthes (Mythen des Alltags, 1957): „Der Körper ist ein System von Zeichen." – Mode ist ein Codesystem, das den Körper semiotisch überformt; die junge Generation entzieht sich diesem Code durch bewusste Körperpolitik.

Wenn es Mode wird, sich schwarzzuschmieren . . .
Wenn verrückte Gänse in Paris sich die Haut wie Chinakrepp plissieren . . .
Wenn es Mode wird, auf allen Vieren
durch die Stadt zu kriechen, machen sie's.

Philosophische Reflexion der Strophe

Reflexion: Die Strophe berührt den exotisierenden Blick: Der Körper wird zur Projektionsfläche für ein exotisches Ideal, das in Paris produziert und konsumiert wird. Die Strophe zeigt den Körper, der von außen nach innen überformt wird – erst die Oberfläche (schwarz beschmiert), dann die Struktur (Haut plissiert wie Stoff), dann die Haltung (auf allen vieren). Jede Ebene ist eine tiefere Entmündigung. Und jede wird freiwillig vollzogen, weil sie „Mode" ist. Die AEMR (Art. 5: Schutz vor entwürdigender Behandlung) verbietet die Reduktion des Menschen auf ein stereotypisches Zeichen. Die heutige postkoloniale Sensibilität der jungen Generation – die Frage, wer das Schönheitsideal setzt und wessen Körper es auf andere projiziert – ist hier direkt angesprochen.

Es werden drei Ebenen verdichtet, die sich gegenseitig verstärken:

„Schwarzzuschmieren" ist das roheste Bild der Strophe – kein Pinsel, keine Farbe, sondern Schmieren, das Ungezierte, das Klebrige. Pech, Teer, Ruß. Der Körper wird nicht gemalt, er wird beschmiert, wie ein Objekt, ein Zaun, eine Wand. In der Pariser Modeszene der späten 1920er Jahre gab es tatsächlich dunkle Hauttöne als Stilmittel – die „Jazz Age"-Ästhetik, die exotische Schminke, das „Nègre"-Makeup als Abwechslung. Kästner meint das vermutlich wörtlich: die „Klassefrauen" würden sich schwarz anstreichen, wenn es Mode wäre.

Eine postkoloniale Relecture liest hier die Verkehrung derer, die sich weiß machen wollten, um Akzeptanz zu finden. Sie funktioniert, weil die Strophe den Mechanismus blind zeigt: Wer sich schwarz schmiert, weil es Mode ist, tut dasselbe wie wer sich weiß schmiert, weil es Mode ist – in beiden Fällen ist die Farbe nicht Ausdruck, sondern Ankleben. Die Haut wird zur Leinwand für ein fremdes Diktat.

„Chinakrepp" ist Crêpe de Chine – ein hauchfeiner, durchsichtiger Seidenstoff, der in den 1920er Jahren in Paris zum Inbegriff der Haute Couture wurde (Vionnet, Schiaparelli). „Plissieren" heißt: Die Haut wird gefaltet, wie Stoff. Der Körper wird zum Material. „Chinakrepp" trägt den Namen China in sich – die Haut wird nach einem exotischen, fernen Ideal geformt. Die nächste Strophe setzt das fort: „Nasenlöcher zuzunähn" ist die Karikatur des „schlitzförmigen" Auges, „Schädeldecke entfernen" berührt die Rassenhygiene. Kästner zeichnet hier eine Linie von der Oberfläche (Haut plissieren) zur Anatomie (Nasen, Schädel) – die Exotisierung dringt immer tiefer in den Körper ein. Die „Klassefrauen" folgen diesem Code, ohne zu fragen, wessen Ideal sie da anlegen.

„Auf allen vieren durch die Stadt kriechen" – das Kriechen ist entmündigt: Wer auf allen vieren kriecht, hat die aufrechte Haltung – die menschliche Haltung – aufgegeben. Er wird zum Tier, zum Objekt, das getrieben wird. In der mittelalterlichen Besessenheitsikonographie ist genau das das Bild: Der Dämon führt, der Mensch folgt. Die „Klassefrauen" kriechen durch die Stadt – öffentlich, sichtbar, und trotzdem geleitet. Sie sind nicht frei, sie werden geführt. Der Unterschied zum Besessenen: Der Besessene weiß, dass er nicht frei ist. Die „Klassefrau" freut sich halbtot (Strophe 1) – sie hält das Kriechen für Freiheit.

Philosophen:

  1. Frantz Fanon (Schwarze Haut, weiße Masken, 1952): „Der Neger ist nicht nur ein Mensch, der schwarz ist, er ist der Mensch, der schwarz ist." – Der Körper wird zur Oberfläche, auf der koloniale Zuschreibungen abgelesen werden; das „Schwarzzuschmieren" ist die umgekehrte Variante desselben Mechanismus.

  2. Edward Said (Orientalism, 1978): „Der Orient ist eine westliche Erfindung, ein Konstrukt aus Wissen, Macht und Imagination." – Das exotische Ideal ist ein diskursives Produkt, das den Körper des „Anderen" als Objekt der westlichen Fantasie festlegt.

  3. Jacques Derrida (Die Stimme und der Phänomen, 1967): „Das Zeichen ist immer schon ein Ersatz." – Die Haut als „Chinakrepp" ist die Reduktion des lebendigen Körpers auf ein Zeichen, das sich auf ein anderes bezieht – eine unendliche Kettenreaktion von Substitutionen.

Wenn es gälte, Volapük zu lernen
und die Nasenlöcher zuzunähn
und die Schädeldecke zu entfernen
und das Bein zu heben an Laternen,
morgen könnten wir's bei ihnen sehn.

Philosophische Reflexion der Strophe

Reflexion: Kästner treibt die Übertreibung ins Physisch-Extreme: Der Körper wird so sehr verändert, dass er zur Karikatur wird. Die Strophe zeigt eine Ablösung von innen nach außen: Erst das Denken (Volapük), dann die Wahrnehmung (Nase), dann der Schutz (Schädel), und schließlich die gesamte Existenz (Laterne). Jede Zeile ist eine tiefere Entmündigung – und jede wird freiwillig vollzogen, weil sie „Mode" ist. Die junge Generation, die in einer Welt der algorithmischen Vorgegebenheit aufwächst, steht vor der gleichen Frage: Ist das eigene Denken noch eigen, oder ist es schon angelehnt? Die AEMR (Art. 1: Würde) setzt hier eine Grenze – die menschliche Würde ist unantastbar, auch wenn der Einzelne sie „freiwillig" aufgibt. Die junge Generation, die in der Digitalität ständig mit Körper-Ästhetik und Filtern konfrontiert ist, erkennt: Die Grenze zwischen „Mode" und „Selbstentfremdung" ist fließender, als Kästner 1930 annahm.

Volapük ist eine Kunstsprache, 1879 von dem Jesuitenpriester Johann Martin Schleyer erfunden – ein Versuch, eine universelle Sprache von oben zu verordnen. Wer Volapük lernt, lernt keine Sprache, die lebt, sondern ein System, das aufgelegt wurde. Die Zeile ist damit die radikalste der Strophe: Nicht der Körper wird verändert, sondern das Denken selbst wird in ein fremdes Schema gezwungen. Die Sprache ist das Medium des Denkens – wer die Sprache wechselt, wechselt das Denken. Die AEMR (Art. 27: Recht auf Bildung und freie Meinungsäußerung) setzt genau hier an: Das Denken darf nicht ersetzt werden, es darf nur erweitert werden. Die junge Generation, die in einer Welt der algorithmisch vorgefertigten Sprache aufwächst – Hashtags, Memes, standardisierte Formulierungen –, erlebt eine sanfte Variante desselben Mechanismus: Die Sprache wird nicht verordnet, aber vorgegeben, und das Denken folgt.

Die Nasenlöcher zuzunähn – die Nase ist das Organ der Annäherung. Sie riecht, bevor sie versteht; sie nimmt auf, bevor das Bewusstsein einordnet. Wer die Nasenlöcher zunäht, verliert nicht nur den Geruchssinn – er verliert die Fähigkeit, sich der Welt anzunähern, ohne sie zu berühren. Es ist der Verlust der Vorentscheidung, des ersten, unbewussten Ja oder Nein. Der Schnupfen, den die Zeile als Horror benennt, ist der umgekehrte Fall: die Nase funktioniert zu viel, die Welt dringt ungefiltert ein. Das Zugenähen ist der extreme Fall: die Welt dringt gar nicht ein. In beiden Fällen ist die Beziehung zur Welt gestört – einmal zu viel, einmal zu wenig. Die junge Generation, die in einer Welt der ständigen Reizüberflutung aufwächst, steht vor der gleichen Frage: Wie lässt sich die Welt annehmen, ohne sich aufzulösen?

Die Schädeldecke zu entfernen – der Schädel ist das einzige Organ, das das Denken schützt. Er ist die physische Grenze zwischen dem Innersten und dem Äußersten. Wer ihn entfernt, macht das Denken ausgeliefert: Es ist nicht mehr geschützt, nicht mehr eigen, sondern offen für jeden, der es berührt. Und es ist – wie die Zeile andeutet – voraussichtlich unmöglich: Das Gehirn kann ohne Schutz nicht funktionieren. Die AEMR (Art. 1: Würde) setzt hier die härteste Grenze: Die Würde des Menschen ist unantastbar, und sie ist an die Integrität des Denkens gebunden. Wer das Denken ausgeliefert macht, macht die Würde ausgeliefert. Die junge Generation, die in einer Welt der ständigen Durchsichtigkeit aufwächst – Social Media, Transparenz, Selbstoffenbarung –, erlebt eine symbolische Variante: Der Schädel ist nicht physisch entfernt, aber er ist durchlässig geworden. Das Denken ist nicht mehr geschützt, sondern geteilt.

Das Bein an Laternen heben – die letzte Zeile kippt von der Anatomie in die Tierwelt. Wer das Bein an die Laterne hebt, markiert Revier. Die Laterne ist kein Mensch, kein Objekt, das gefühlt wird – sie ist ein Punkt, an dem die Präsenz angezeigt wird. Die Zeile ist damit die radikalste Entmündigung der Strophe: Der Mensch wird zum Tier, das sein Revier besprüht. Er handelt nicht mehr, er markiert. Er denkt nicht mehr, er signalisiert. Er ist nicht mehr Subjekt, er ist Gestank an einer Laterne. Die AEMR (Art. 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren") verbietet genau diese Reduktion: Der Mensch ist kein Revier, das markiert werden muss. Er ist kein Signal, sondern ein Subjekt. Die junge Generation, die in einer Welt der ständigen Sichtbarmachung aufwächst – Likes, Follower, Präsenz –, steht vor der Frage: Ist die eigene Präsenz noch eigen, oder ist sie schon Reviermarkierung?

Philosophen:

  1. Karl Marx (Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844): „Der Arbeiter entzieht sich seiner Arbeit und damit sich selbst." – Die Entfremdung des Körpers von sich selbst ist die ultimative Form der Entfremdung; wer den eigenen Schädel entfernen würde, ist vollständig von sich selbst entfremdet.

  2. Albert Camus (Der Mythos des Sisyphos, 1942): „Der absurde Mensch ist der, der ohne Hoffnung lebt, aber ohne zu verzweifeln." – Die absurde Steigerung der Strophe spiegelt die Absurdität, die entsteht, wenn man sich endlos an äußere Vorgaben anpasst, ohne je den Zweck zu hinterfragen.

  3. Theodor W. Adorno / Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung, 1944): „Die Kulturindustrie stellt den Menschen auf eine Stufe, auf der er sich nicht mehr als Individuum begreift." – Die standardisierte Anpassung an Mode ist die kulturelle Form der Entmündigung; die junge Generation versucht, durch kritische Medienkompetenz dieser Standardisierung zu entgehen.


Denn sie fliegen wie mit Engelsflügeln
immer auf den ersten besten Mist.
Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln !
Und sie sind auf keine Art zu zügeln,
wenn sie hören, daß was Mode ist.

Philosophische Reflexion der Strophe

Die Strophe zeigt den Scheinflug: Engelsflügel, die nur zu einem Hühnerhüpfen taugen. Die Unreflektiertheit besteht nicht im Nicht-Fliegen, sondern im Nicht-Wissen-Wohin. Und das Schienbein-Bügeln ist der Punkt, an dem die echte Sorgfalt auf ein falsches Objekt trifft – nicht Gleichgültigkeit, sondern zu viel Sorgfalt am falschen Ort. Die AEMR (Art. 26: Recht auf Bildung) setzt genau hier an: Bildung als Grundlage der Mündigkeit. Die junge Generation, die in einer Welt der ständigen Reizüberflutung aufwächst, steht vor der gleichen Herausforderung – nur dass der „Mist" heute algorithmisch produziert wird.

„Engelsflügel" – dies zeigt die Selbstüberhöhung sehr deutlich, wo Überlegenheit durch Überheblichkeit eingetauscht wurde und die Mode zur Religion erklärt wird. Die Ironie liegt jedoch insbesondere im Kontrast zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten. Engel fliegen aufwärts, in die Sphäre des Heiligen. Die „Klassefrauen" fliegen jedoch abwärts, auf jeden Mist. Diese Engelsflügel sind damit keine Erhebung, sondern angeklebt: eine Demotion durch Erhebung und je sublimer das Bild des Fliegens, desto lächerlicher ist die Landung. Kästner zeigt ihren falschen Wunsch nach Größe auf, durch den sie immer kleiner werden: Sie fliegen nicht wie Engel, sondern sie fliegen mit Engelsflügeln, also gleichwie Ikarus in der griechischen Mythologie mit geliehenen, angelegten Flügeln, die nicht zu ihnen gehören. Doch Ikarus ist ein Subjekt, das eine eigene Entscheidung trifft (auch wenn sie falsch ist). Die „Klassefrauen" sind keine Subjekte – sie haben keinen Willen, der sich überschreitet, weil sie keinen Willen haben, der sich überhaupt entscheidet. Ikarus fällt, weil er zu viel will. Sie landen auf dem Mist, weil sie nichts wollen. Die Hybris von Ikarus setzt voraus, dass man weiß, wo die Grenze ist. Die „Klassefrauen" jedoch scheinen nicht einmal zu ahnen, dass es solch eine Grenze gibt.

Hühner fliegen kurze Strecken, landen auf dem Nächsten, picken, was am Boden liegt. Sie sind das Gegenteil von Engeln – irdisch, unreflektiert, getrieben durch den nächsten Reiz. Die „Engelsflügel" sind also Scheinflug: Sie sieht aus wie Fliegen, ist aber nur ein Hüpfen auf den nächsten Misthaufen. Die Unreflektiertheit besteht nicht darin, dass sie nicht fliegen, sondern dass sie nicht wissen, wo sie landen. Sie fliegen immer – aber wohin, das entscheidet nicht ihr Wille, sondern der nächste sichtbare Punkt.

„Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln" – das Bügeln ist ein sorgfältiges, häusliches, zeitaufwendiges Tun. Es setzt Stoff voraus – etwas, das sich glätten lässt. Das Schienbein ist Knochen – starr, nicht formbar, nicht bügelbar. Die Absurdität liegt nicht in einer falschen Sorgfaltspflicht, sondern in der Fehlansprache des Objekts: Die Sorgfalt ist echt, aber sie wird auf etwas angewendet, das sie nicht vertragen kann. Der Modewahn hat die Grenze des Formbaren überschritten – er will nicht mehr nur die Haut glätten, die Nägel färben, die Haare richten, sondern den Knochen selbst. Die Grenze zwischen dem, was man tun kann, und dem, was man tun will, ist aufgehoben. Das ist der Punkt, an dem die Selbstformung zur Selbstzerstörung wird – nicht durch Gewalt, sondern durch Sorgfalt.

Das Schienbein ist das Tschickböl, sprich, der Knochen, der weh tut, wenn man ihn trifft. Er ist der Ort, an dem der Körper registriert, dass etwas gegen ihn geschieht. Er ist der Knochen der Empfindsamkeit im wörtlichsten Sinn: Er ist der Knochen, der fühlt. Kästners „bügeln" macht ihn glatt – im doppelten Sinn: glatt wie Stoff (die Fehlansprache und der Fetisch des Objekts) und glatt wie anästhesiert. Das Schienbein, das eigentlich weh tun soll, wird nun zum Schienbein, das nicht mehr weh tun kann. Der Körper ist anästhesiert – nicht im medizinischen, sondern im philosophischen Sinn: a-isthesia, ohne Empfindung. Klassefrauen treten sich nicht selbst ans Schienbein – sie treten einander gegenseitig an. Der Konflikt ist extern, aber der Ort der Registrierung ist glattgebügelt. Sie stehen also in ständigem Konflikt und spüren ihn nicht. Sie sind anästhesiert gegeneinander und den Rest ihres Lebens damit beschäftigt, aufeinander herumzuhacken, anstatt ihre Kräfte zu bündeln.

Philosophen:

  1. Immanuel Kant (Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1784): „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. […] Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" – Die „selbstverschuldete Unmündigkeit" ist exakt der Zustand, den Kästner beschreibt: Man kann denken, tut es aber nicht, weil es bequemer ist, dem „Mist" zu folgen.
  2. Sigmund Freud (Das Ich und das Es, 1923): „Das Über-Ich ist der Vertreter der gesellschaftlichen Autorität im Individuum." – Die Mode ist ein kollektives Über-Ich, das den Einzelnen dazu zwingt, sich an ein Ideal zu halten, das er nie selbst gewählt hat.
  3. Jürgen Habermas (Theorie des kommunikativen Handelns, 1981): „Handlung ist rational, wenn sie auf die Einigung durch Argumentation gerichtet ist." – Die Gegenentwicklung zur blinden Anhänglichkeit ist kommunikative Rationalität: Die junge Generation, die in digitalen Räumen argumentiert und Positionen kritisch hinterfragt, praktiziert genau diese Form der Mündigkeit.
  4. Peter Sloterdijk (Kritik der zynischen Vernunft, 1983): „Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewußtsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewußtsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Es hat seine Aufklärung gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen, da seine Falschheit bereits reflexiv gefedert ist."

Wenn's doch Mode würde, zu verblöden !
Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.
Wenn's doch Mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten !
Denn dann wären wir sie endlich los.

Philosophische Reflexion der Strophe

Reflexion: Die letzte Strophe kippt von der Satire in den Wunsch: Der Sprecher wünscht sich, die anderen würden „verblöden" und „zuzulöten" – er will sie los. Hier scheitert Kästners Satire an sich selbst, denn er beschreibt die Verblödung, die Entmündigung, die Metamorphose, und wünscht sich die Opfer los. Das „wir" wird zum Riss in der Strophe: Denn Kästner, der die Kröten sieht, wird selbst zu jemandem, der gegen diese Kröten ist. Es ist aber auch ein Wort, das gleichzeitig die Opfer, den Mechanismus und mit "Kröten" auf die Finanzierung anspielt. Die junge Generation, die Emanzipation als gemeinsame Aufgabe versteht – nicht als „Wir gegen sie" –, liest diese Strophe womöglich anders: Denn die Kröten sind nicht das Problem. Die Kröten, die geschluckt werden, sind das Problem. Und die, die sie herstellen, sind das eigentliche Ziel.

Die AEMR (Art. 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren.") verbietet genau diese Haltung: die Reduktion des anderen auf ein Ärgernis, das beseitigt werden soll. Die junge Generation, die in der Geschlechtergleichheit eine gemeinsame Emanzipation sieht, nicht ein „Wir gegen sie", bricht hier mit Kästners Haltung – und das ist der produktivste Punkt der Reflexion.

„Zu verblöden" – die erste Zeile ist keine Hypothese, sondern eine Diagnose: „in dieser Hinsicht sind sie groß." Die Verblödung ist nicht mehr möglich – sie ist tatsächlich. Kästners Empörung über die gesellschaftlich legitimierte Selbst-Entmündigung der Frau ist hier deutlich zu spüren. Die sogenannte Größe geht in die falsche Richtung.

Das Wort „Kröten" wiederum trägt gleichzeitig drei Bedeutungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern gegenseitig verstärken:

Das „sie" im Loswerden der Kröten ist damit dreifach: Wir wären die Kröten (Frauen) los. Wir wären die Kröten (Lügen) los. Und wir wären die Kröten (Geld) los. Ein Wort, das gleichzeitig die Opfer, den Mechanismus und die Finanzierung benennt, und der einzige Wunsch, der auf alle drei verzichten will.

Jener Schluss ist sowohhl der eleganteste, als auch der problematischste Punkt des Gedichts; Elegant, weil ein Wort drei Ebenen unter einem Deckel hält, problematisch jedoch , weil der Wunsch, die Kröten loszuwerden, am Ende nicht mehr zwischen den Opfern und dem System unterscheidet. Die Kröten (als Frauen) sind selbstverständlich nicht von Natur aus Kröten, doch sie wurden zu Kröten, weil sie sie lange genug geschluckt haben. Wer die Kröten loswerden will, muss die Kröten, die geschluckt werden, loswerden – und die, die sie herstellen und finanzieren. Doch Kästner will nicht das System loswerden, sondern er will sie loswerden, weil er weiß, dass das Potenzial, das System nicht ändern zu können, an Ihnen ist.

Eine junge Generation, die Emanzipation als gemeinsame Aufgabe versteht, könnte verstehen, dass die Kröten (als Frauen) nicht das Problem sind, sondern dass die Kröten, die als Lügen geschluckt werden und die Kröten, die als Geld bezahlt werden der wahre Hebel sind. Wer den Geldfluss zuzulötet, macht alle drei gleichzeitig los, ohne die Kröten selbst zu feinden.

Philosophen:

  1. Emmanuel Levinas (Totalität und Unendlichkeit, 1961): „Das Gesicht des Anderen ist das erste Ethos." – Das „Gesicht" des anderen ist der unbedingte Ruf nach Verantwortung. Wer sich wünscht, die anderen würden „zuzulöten", verweigert sich diesem Ruf.

  2. Martin Buber (Ich und Du, 1923): „Wo Ich und Du sich nicht begegnen, begegnet das Ich dem Es." – Kästner behandelt die „Klassefrauen" als „Es" – als Gegenstand, nicht als Gegenüber. Die AEMR-Premisse verlangt, dass jede Person als Subjekt adressiert wird, nicht als „Kröte".

  3. Immanuel Kant (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785): „Handle so, dass du die Menschheit immer als Zweck verwendest und niemals bloß als Mittel." – Der Wunsch, die anderen „endlich los" zu sein, macht sie zum Mittel des eigenen Ärgernisses. Die junge Generation, die Emanzipation als gemeinsame Aufgabe versteht, folgt hier dem kategorischen Imperativ: Freiheit für alle, nicht Freiheit von den anderen.

Bezug zur Medienkultur

In Kästner's Gedicht (aus Ein Mann gibt Auskunft, 1930) folgen die „Klassefrauen" jeder noch so absurden Mode – Nägel abkauen, Schädeldecke entfernen – „und freuen sich halbtot". In der Sendung Shopping Queen (VOX, seit 2012) bekommen fünf Frauen von Guido Maria Kretschmer ein Motto vorgegeben und müssen sich entsprechend einkleiden, weil sie im Sinne von Kästner's beschriebenem Abstieg schon da angekommen sind, wo sie es sich wert sind (um es mit den Worten von L'Oréal Paris zu beschreiben), sich dafür zu demütigen – also ebenfalls einer externen Vorgabe folgen, die sie möglichst konform umzusetzen haben. Damit ist das Format Shopping Queen exakt ein medienkulturelles Pendant zu dem, was Kästner literarisch anprangerte – die Unterwerfung unter vorgegebene Schönheits- und Modeideale – nur dass die Show die Kritik ins Unterhaltungsformat verpackt, statt sie selbst zu üben. Für eine vermeintlich lustige Absicht des Formats bleibt entweder eine Art Schadenfreude, die Schwäche der Frauen öffentlich vorzuführen, oder aber, wenn ohne Ironie, eine Art Schmierentheater, das womöglich zum ernsthaften Nachahmen des Konsums imitieren soll. Aus philosophischen Perspektiven entspricht das jedoch eher einem Trauerspiel.

Das eigentliche Betriebsmittel des Formats ist – wie immer im Kapitalismus – die künstliche Verknappung. Sie erzeugt den Konflikt, aus dem die Show ihre Dramaturgie zieht. Die Undankbarkeit liegt hier darin, dass genau die Person, die bereits vom Wohlstand des Systems profitiert, ihm gegenüber als mangelhaft dargestellt wird. Das System, das den Wohlstand produziert, entwertet gleichzeitig seine Nutznießer, um sie zum weiteren Konsum zu bewegen. „Die Produkte menschlicher Arbeit erscheinen … als selbständige Gestalten" (Das Kapital I, MEW 23, 86). Die Ware wird zum Vermittler zwischen Mensch und Selbstwert – das ist Fetischismus in Reinform. „Es bricht eine Seuche aus, die in allen früheren Epochen wie ein Unsinn erschienen wäre – die Seuche der Überproduktion." Kapitalismus kann seinen eigenen Überfluss nicht ertragen, weil Knappheit seine raison d'être ist. Ohne Knappheit kein Wettbewerb, kein Profit. Also muss Knappheit produziert werden – auch und gerade im psychischen Bereich.

Jene 500 € und die vier Stunden (die durch Dreharbeiten, z. B. das zweimalige Filmen des Busausstiegs, faktisch weiter verkürzt werden) sind also bewusst knapp kalkuliert, sodass die Kandidatin, womöglich in Vertretung für die Zuschauer immer die Angst spüren muss: „Das reicht nicht." Hinzu kommt die räumliche Verknappung – die Läden werden vorgegeben, die Kandidatin erfährt erst im Bus, wo sie einkaufen darf. „Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert … Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu" (1844). Je mehr Wohlstand das System also produziert, desto mehr muss es dem Einzelnen über die Medien einreden, dass er nicht genug wert ist – und desto mehr Produkte muss er kaufen, um sich zu „entwerten", sprich, seinen Wert zurückkaufen...
obwohl das Leben eigentlich die einzige Fahrkarte ist, die man niemals entwerten sollte!

Adorno bringt es 1968 pointiert auf den Punkt:

„Auch dort, wo ein Überfluss an Gütern die Norm ist, steht dieser gleichsam unter einem Fluch."
Die Notwendigkeit, die sich in den Schein der Ware einschleicht, infiziert mit ihrem illusionären Charakter. Auch in der Fülle bleibt die Ware als mangelnde Beziehung zu sich selbst bestehen.

Behaviouristische Ebene

Variable-Ratio-Verstärkung (VR): Die Bewertung (0–10 Punkte von Peers + Guido) folgt genau dem Muster, das Skinner als das widerstandsfähigste Verstärkungsschema identifizierte – die Belohnung ist unvorhersehbar. Mal 9, mal 3, mal null (wie 2014 bei der Botox-Kandidatin). Dieses „Gamble"-Prinzip macht das Verhalten (sich kleiden, sich präsentieren) extrem erloschensresistent: Die nächste Bewertung könnte die gute sein. Das ist strukturell identisch mit dem Spielautomaten-Mechanismus.

Scarcity-Effekt und Impulskauf: Unter Zeitdruck „setzt das rationale Denken aus" (Wirtschaftspsychologin Anna Schneider, ARD Marktcheck). Die Knappheit von Budget und Zeit wirkt als arousal-Trigger: Sie erhöht die Impulsivität, verkürzt die Suchphase und lässt die Kandidatin Dinge kaufen, die sie bei gelassener Abwägung nicht gekauft hätte. Die Forschung zeigt, dass Zeit- und Mengenknappheit sich multiplikativ verstärken – genau die Kombination, die das Format nutzt.

Verlustaversion: Nichts zu kaufen oder das Budget zu sprengen wäre ein doppelter Verlust (kein Outfit + kein Restgeld). Der Druck, „etwas mitzunehmen", erzeugt den Kaufrausch, den die Sendung inszeniert.

Waren- und Kleiderfetischismus

Hier wird die Verknappung zum Träger des Fetischs: Weil das Outfit knapp ist (500 €, 4 h, vorgegebene Läden), wird jede Kaufentscheidung zur Wette auf Selbstwert. Die Ware – ein Stück Stoff, ein Paar Schuhe – erhält den von Marx beschriebenen Fetischcharakter: Sie steht nicht mehr für ihren Gebrauchswert, sondern für die Frage „Bin ich gut genug?"

Die Verknappung ist dabei der Ritualrahmen, der den Fetisch aktiviert: Ohne den Druck wäre der Einkauf bloß ein Konsumakt. Mit dem Druck wird er zur Prüfung, die das Ding in ein Subjekt verwandelt – und das Subjekt in ein Ding.

Selbstbewusstsein und öffentliche Blamage

Die kritische Verknüpfung liegt in der Abhängigkeit des Selbstwerts von externer Validierung:

  1. Der Laufsteg ist das zentrale Ritual. Die Kandidatin präsentiert sich – barfuß, wenn sie keine Schuhe kaufen konnte – vor vier Kolleginnen, die sie bewerten. Die Anwesenheit eines Publikums verstärkt die Demütigung nachweislich (Elison & Harter, 2007): „People thought they would feel worse about themselves if they were devalued in the presence of an audience."
  2. Die Bewertung ist nicht nur numerisch, sondern narrativ. Sarah Lettieri (Augsburg, 2022) berichtet, dass Kommentare „auf einer persönlichen, sehr verletzenden Ebene" ankamen. Die Bewerbungshinweise selbst warnen: „Ein gutes Selbstbewusstsein ist empfehlenswert, um Meinungen und Kommentare auf verschiedenen Plattformen auszuhalten."
  3. Die „Ritualised Shaming"-Dynamik (Hájek et al., 2021): Reality TV transformiert die Status-Degradierungszeremonie in Unterhaltung. Die Demütigung wird systematisch inszeniert, aber durch die Rahmenbedingungen (Wettbewerb, Humor, „Empowerment"-Narrativ) als akzeptabel gerahmt. Die Kandidatin wird als Typ geoutet, nicht als Individuum – was die Degradierung erträglich macht, ohne sie aufzuheben.
  4. Die Zuschauerseite: Reiss & Wiltz identifizieren zwei Motive des „Humilitainment"-Publikums: „a desire for prestige and self-importance and a desire to get even or a sense of vindication." Die öffentliche Blamage der Kandidatin hebt den Selbstwert des Zuschauers an – ein klassischer Mechanismus der sozialen Vergleichsprozesse.

Die künstliche Verknappung ist der Katalysator, der alle drei Ebenen verbindet:

Ebene Rolle der Knappheit
Behaviouristisch Erzeugt das VR-Schema: unvorhersehbare Belohnung unter Druck → erloschensresistentes Verhalten (Shoppen, sich präsentieren)
Fetischistisch Verwandelt die Ware in den Träger von Selbstwert – ohne Knappheit bliebe sie bloßes Ding
Sozial-psychologisch Macht die Kandidatin abhängig von der Bewertung, die unter den Bedingungen der Knappheit (müde, gestresst, unzufrieden) besonders verletzend ausfällt

Die Ironie ist, dass Das Format sich als Empwerment präsentiert („Frauen, die sich trauen"), aber die Mechanik jene einer Skinner-Box mit Laufsteg ist – die Kandidatin wird unter Knappheitsbedingungen gezwungen, sich wie eine Ratte im Konsumlabyrinth zu verhalten, und die Belohnung (oder Demütigung) ist unvorhersehbar.

Kästners „Klassefrauen", die sich unter der Tyrannei der Mode halb tot freuen, tun in diesem Format Shopping Queen immernoch dasselbe, nur dass der Mechanismus nun sichtbar ist: der Countdown, Budget, Kamera; es wird sogar noch vorgeführt.

Der Sportsgeist als Antrieb, sich messen zu wollen, Anstrengung zu ertragen, eine Grenze zu überschreiten – wird vom Konsum nicht erzeugt, sondern abgeleitet. Er ist ein echtes menschliches Bedürfnis, das das Kapital nur umleitet. Er wäre besser aufgehoben in der eigenen Körperlichkeit, und nicht in der des Körpers als Träger von Konsum. Laufen, Klettern, Schwimmen, dort, wo die Leistung am Körper selbst abgelesen werden kann und nicht an der Beute, die man mitbringt, oder in kollektiven Projekten. Der Wettbewerbsgeist, der im Einzelhandel reduziert wird gegen sich selbst (auf den eigenen Warenkorb, den eigenen Look), entfaltet sich dort, wo er gegen ein gemeinsames Ziel gerichtet ist – Handwerk, Sport im wörtlichen Sinne, Kunst, politische Arbeit, in der Produktion statt der Aneignung.

Der Arbeiter hat einen echten Sportsgeist: er muss liefern, performen, den Takt halten. Aber dieser Geist wird ihm entwunden und in der Freizeit als Konsumwettbewerb zurückgegeben. Doch gehört er eigentlich zu seinem Ursprung zurück: in die tätige Auseinandersetzung mit der Welt, nicht in die passiven Auswahl unter fertigen Waren. Der „Renngeist" im Konsumlabyrinth ist der Sportsgeist, dem man die Strecke genommen hat. Er rennt immer noch, aber es gibt kein Ziel mehr, nur ein Ende des Gangs, an dem man weiterrennen kann. Die bessere Aufhebung wäre, diesen kostbaren Antrieb dort zu lassen, wo er etwas verändern kann: am eigenen Körper, an einem gemeinsamen Werk, an den System-Bedingungen selbst. Der Fluch des Überflusses besteht nicht darin, dass zu viel da ist, sondern dass der Antrieb, der eigentlich frei wäre, in den Schein der Ware eingeschlossen bleibt.

So bleiben Erich Kästner's „Sogenannte Klassefrauen“ bis heute gültig als Diagnose eines schönheitskränkenden Mechanismus', doch als Anklage zielt es heute, 95 Jahre später, einen halben Schritt daneben, genau wie der Slogan, den es satirisch vorwegnimmt. Denn jener krisisierte Mechanismus der Uniformierung von Gesinnung, Innerlichkeit oder Körper ist eigentlich geschlechtsneutral.

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