Eine Beleuchtung der Pornografie
Autor : Gerd Raudenbusch
Stand : 11.10.2025
Unzweifelhaft offensichtlich ist die Sexualität ein erfolgreiches Prinzip der evolutionären Fortpflanzung des Menschen. Und der Umstand, dass die Fortpflanzung sich eben NICHT zur Pflicht der Sexualität im Sinne einer unumstößlichen biologischen Konsequenz entwickelt hat, sondern der Mensch neben den anderen Früchten auch seine eigene Frucht zur Unabhängigkeit führen konnte, ist im Lichte selbstregulierender Prozesse und des komplexen Systems "Erde" weit mehr, als nur ein bloßer Zufall. Neben dem nicht nur befriedigenden, sondern auch befriedenden Einfluss durch die Ausschüttung von Oxytocin ("Make love, not war"), welches beim Orgasmus und Hautkontakt im Körper ausgeschüttet wird, lernt der Mensch spielerisch und erkennt durch Beobachten, Imitieren und Reflektieren, eben jenen in der Gemeinsamkeit zu verstehen. Dazu gehört auch, dass er sich in seinen Selbstdarstellungen immer wieder wiederfindet, die er mithin zu erhabenen Künsten perfektioniert hat.
Dass die Pornografie (NICHT Pornokratie) ungeachtet ihres Daseins als Industrieprodukt als eine solche Selbstdarstellung oft mit einem generellen Vorurteil als minderwertig und abfällig, als sittenlos und geschmacklos angesehen wird, dies wird dem Menschen und seiner Sexualität, aufgrund derer die Pornografie überhaupt existiert und sich ihrer Beliebtheit erfreut, kaum gerecht.
Im ihrem Eigentlichen Sinne ist Pornografie lediglich die Darstellung menschlicher Sexualität oder sexueller Handlungen, die ausdrücklich darauf abzielt, den Betrachter sexuell zu erregen. Dabei werden sexuelle Vorgänge oft in aufdringlicher, detaillierter und unverfälschter Weise gezeigt, wobei der Mensch häufig auf ein sexuelles Objekt reduziert wird. Diese Darstellungen fokussieren im Unterschied zur Erotik weniger auf Andeutungen und mehr auf explizite, genaue Abbildungen, insbesondere von Genitalien und Sexualakten.
Erwin J. Haeberle schrieb bereits 1978 in seiner Arbeit "Die Sexualität des Menschen" :
»In den fünfziger Jahren führte die Zwangsidee von einer kommunistischen und homosexuellen Verschwörung („Homintern") zu einer Welle repressiver Gesetzgebungen gegen Homosexuelle. Selbst in den siebziger Jahren wurden immer neue Anstrengungen unternommen, „Pornographie" zu beseitigen und Prostitution zu beenden, indem man die Kunden der Prostituierten verhaftete.
Die Erfahrung lehrt jedoch, dass solche moralischen Kreuzzüge noch nie den gewünschten Erfolg hatten und dass sie die Dinge wahrscheinlich nur schlimmer machen.
[...]
Der derzeitige „Krieg gegen Pornographie" verursacht Verluste enormer Summen von Steuergeldern, indem in juristisch eher fragwürdigen Verfahren diejenigen Verleger angeklagt werden, deren Produkte Millionen Leser regelmäßig kaufen. Diese Leser werden gleichzeitig die Opfer einer immer größeren Anzahl von Gewaltverbrechen.«
Weil das Männerbild in pornografischen Darstellungen insgesamt zu dominant erschien, weil die Pornoindustrie stets fragwürdige Stereotypen etablierte und weil Sexarbeit traurigerweise manchmal sogar mit Armut und Menschenhandel in Verbindung gebracht werden konnte, diese gesellschaftliche Rohheit kann der Pornografie nicht ihre Grundlage entziehen. Denn falsche Grundlagen führen zu falschen Erkenntnissen. So hat die Pornografie im Gegenteil als Fenster und Spiegel in die lendlichen Angelegenheiten der Menschheit diese Rohheiten sogar ans Licht gebracht, und es wäre ein kurzsichtiges und undifferenziertes Generalurteil, sie in ihrer schlichten Form als Darstellung zwischenmenschlicher Akte für diese Rohheiten zur Verantwortung zu ziehen.
Bis heute kompensiert Pornografie - befreit von sozialen Verpflichtungen - Defizite sexueller Befürfnisse, die sich in persönlichen Beziehungen aus verschiedensten Gründen nicht erfüllen. Und daß Sexualität ein menschliches Grundbedürfnis ist, daran besteht in heutiger Zeit kein ernstzunehmender Zweifel mehr.
Inhalt
- Ästhetik der Körperlichkeit
- Das sexuelle Objekt
- Gesundheit und Sexualität
- Pornografie und Gesundheit
- Pornografie als Industrie
- Kritik der sexuellen Repression
- Pornografie und Beziehung
Ästhetik der Körperlichkeit
»Die Geschlechtlichkeit als solche ist ihrer Natur nach im Zauber und im Reichtum der Abwandlungen polygam, ohne eine andere Verbindlichkeit als die der Schönheit und der Kunst.« –Karl Jaspers, Chiffren der Transzendenz, S. 55
Nicht nur beim Aktzeichnen kommt die Frage auf: Warum kann uns bereits der Eidos eines menschlichen Körpers eine erotische Spannung und Schönheitsempfindungen verspüren lassen ?
Bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. hat der Architekt und Ingenieur Vitruv seine Gedanken zu den menschlichen Proportionen geäußert. In seiner Theorie des wohlgeformten Menschen formuliert er zum Beispiel :
»Ferner ist natürlicherweise der Mittelpunkt des Körpers der Nabel. Liegt nämlich ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken, und setzt man die Zirkelspitze an der Stelle des Nabels ein und schlägt einen Kreis, dann werden von dem Kreis die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen berührt. Ebenso, wie sich am Körper ein Kreis ergibt, wird sich auch die Figur eines Quadrats an ihm finden. Wenn man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel Maß nimmt und wendet dieses Maß auf die ausgestreckten Hände an, so wird sich die gleiche Breite und Höhe ergeben, wie bei Flächen, die nach dem Winkelmaß quadratisch angelegt sind.«
Nach dieser Beschreibung stellt Leonardo Da Vinci in seinem bekannten Werk "Vitruvianischer Mensch" einen Mann dar :
Jedoch alleine die Vermessung des menschlichen Körpers scheint eine noch unzureichende Grundlage für die Ästhetik der menschlichen Körperlichkeit zu sein, da sie die evolutionären Aspekte, die Charles Darwin erst rund 300 Jahre später entdeckte, völlig außer Acht lässt.
Zur äußeren Schönheit zählen evolutionsbedingt die Zeichen der Gesundheit und Fitness : Rosige Hautfarbe, straffe Gesäßmuskeln, Körper und Gesicht ohne amorphe, verkrüppelte Strukturen, ohne Zeichen ungenügender Ernährung.
Die Schönheit des Bewegungsbewußtseins eines Menschen zeigt sich in seinen Bewegungen; daran, ob er unbeholfen und benommen torkelt, trampelt, oder trottet, oder ob er "tanzen" kann.
Körperbewußtsein allein ist kein Bewegungsbewußtsein.
Das Bewegungsbewußtsein ist von der äußeren Schönheit nur bedingt abhängig.
Prämissen zur ästhetischen Reflexion
Selbstbeobachtung verbindet das tatsächliche eigene Aussehen und Verhalten mit der eigenen Vorstellung davon, wie man aussieht und sich verhält (Selbstbild und Selbstwahrnehmung)
Die Beobachtung von sich zusammen mit Anderen verbindet, wie Andere einem wirklich sehen (Fremdbild) mit der eigenen Vorstellung davon, wie man von anderen gesehen wird
Ästhetische Reflexion
Das Erleben der eigenen äußeren Erscheinung kann entweder glücklich sein, oder zur Änderung der äußeren Erscheinung oder zur Änderung des Selbstbildes geführt werden.
Das Erleben des eigenen Verhaltens kann entweder glücklich sein, oder zur Änderung des Verhaltens oder zur Änderung der Selbstwahrnehmung gegenüber dem eigenen Verhalten geführt werden. Paul Valéry: "Der handelt nicht, dem nichts fehlt."; Heinz von Foerster : "Ästhetischer Imperativ : Willst du erkennen, lerne zu handeln."
Alle Entscheidung darüber, ob die eigene Perspektive oder das Bewegungsbewußtsein oder das äußere Aussehen verändert werden, liegt in der Symbiose einfacher Formen von von Schau- und Zeigelust. Den Satz "Du erblickst mich nie da, wo ich dich sehe" von Jacques Lacan kann durchaus als unauflösbare Spannung zwischen subjektivem Bewusstsein und objektivem Begreifen verstanden werden, die aller Erotik zugrunde liegt.
Die Lust entspringt dem, wie sehr das Wahrnehmende mit dem Wahrgenommenen harmoniert, entweder durch seine Ergänzung oder durch sein Wiederfinden.
Vertrauen zu einer Form führt zu einer Form des Vertrauens. Jeder Körper ist eine solche Form.
Doppelte Reflexion
Die Beobachtung der Beobachtung führt während der Änderung innerer Perspektiven oder Verhaltensweisen zu Affektiertheiten, solange, bis die Perspektive oder das Verhalten nicht mehr künstlich herbeigeführt werden muss.
Arthur Schopenhauer schreibt in Parerga und Paralipomena :
»Das Affektieren irgendeiner Eigenschaft, das Sichbrüsten damit ist ein Selbstgeständnis, daß man sie nicht hat.«
Dies ist nur so lange der Fall, bis das Interesse an der Beobachtung der Beobachtung dadurch verloren geht, daß das Wesen seinen Vorstellungen ausreichend entspricht und völlig selbstvergessen so ist, wie es sein will, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Im Bewusstsein über die Mechanismen des Selbstbildens obliegt jedem die freie Wahl darüber, ob und wie sehr die Selbstwahrnehmung von pornografischen Inhalten beeinflusst werden soll.
Das sexuelle Objekt
Wenn die Lust am sexuellen Objektstatus in der reinen Reduktion auf körperliche Merkmale mündet (sexuelle Objektifizierung), besteht die Gefahr, dass der Mensch nicht als ganze Person wahrgenommen wird. Dies verstärkt die Subjekt-Objekt-Spaltung, da ohne die Liebe und Hingabe dabei die Geltung des inneren, subjektiven Reichtums fehlt und stattdessen nur noch eine „äußere Hülle" zum primären Bezugspunkt wird. Eine solche Reduktion kann sich auch dysfunktional auswirken, da sie die Angst vor Zurückweisung oder Entwertung fördert.
Das Gefühl des Begehrens oder Begehrtwerdens als sexuelles Objekt spiegelt vor allem den Wunsch wider, in der äußeren, sozialen Welt „gesehen“ und „angenommen“ zu werden. Dies kann ein Gefühl von Zugehörigkeit und sozialer Akzeptanz vermitteln. Es ist eine Form der Bestätigung, die aus der Interaktion mit der Außenwelt resultiert.
Die Subjekt-Objekt-Spaltung beschreibt die Trennung zwischen dem Erleben des Körpers als Subjekt – also dem inneren, bewussten Empfinden, Fühlen und Agieren – und der Wahrnehmung des Körpers als Objekt – das heißt, den Körper als Gegenstand von Betrachtung, Bewertung oder gar Entfremdung zu sehen. Die menschliche Erfahrung der körperlichen Wahrnehmung sowohl als Subjekt (als handelndes, wahrnehmendes Selbst) als auch als Objekt ist zentral für das Selbstbewusstsein: Wir sind uns unseres Körpers nicht nur von innen bewusst, sondern können ihn auch von außen betrachten und reflektieren.
Als Spaltung wird dies wahrgenommen, wenn Menschen verstärkt nur eine Seite von sich wahrnehmen, so z. B. verstärkt die objektive Seite durch gesellschaftliche Schönheitsideale und psychische Störungen wie Körperdysmorphie, oder aber verstärkt die subjektive Seite, weil die innere Welt, die nur dem Subjekt selbst zugänglich ist, durch eine Identitätskrise oder eine traumatische Erfahrung an Unschärfe und Unvollständigkeit der Selbstwahrnehmung leidet, das innere Erleben also nicht kohärent oder nicht vollständig erfassbar ist und eine verzerrte Innensicht hat.
Die Körperwahrnehmung vermittelt durch verschiedene Sinne die Verbindung zwischen Innen und Außen. Sie ermöglicht es, Bewegungen, Lage und Spannungen im Körper zu registrieren und beeinflusst somit nicht nur das Selbstgefühl, sondern auch unser Handeln in der Welt. Wenn die Subjekt-Objekt-Spaltung sehr ausgeprägt ist, kann dies zu einem gestörten Körperbild führen, bei dem sich jemand vom eigenen Körper entfremdet fühlt oder sich selbst in erster Linie als Objekt bewertet.
Durch objektive Wahrnehmung und ihre körperliche Komponente kann die Sexualität als besondere Erfahrung des Körpers und des Selbst, in der sowohl das Subjekt (das fühlende, erlebende Ich) als auch das Objekt (der Körper, der wahrnimmt und handelt) das subjektive Erleben positiv beeinflussen und die Subjekt-Objekt-Spaltung überwinden und mildern. In den intimen Momenten wird die rigide Trennung zwischen Subjekt und Objekt durchbrochen, wodurch ein Gefühl von Verschmelzung oder Einheit entsteht, das das sonst übliche Bewusstsein der Spaltung zwischen „ich“ und „das Andere“ temporär aussetzt. Diese Erfahrung steht im Zusammenhang mit dem Gefühl der Zugehörigkeit, Verbundenheit und des Einbezogenseins, das in der Sexualität möglich wird.
Philosophisch lässt sich sagen, dass die Subjekt-Objekt-Spaltung, die Karl Jaspers als Grundstruktur bewusster Erkenntnis beschreibt, in der Sexualität durch eine intensive körperliche und emotionale Beziehung für kurze Zeit aufgehoben erscheinen kann.
Die Sexualität eröffnet dabei einen Raum, in dem sich Subjektivität und Objektivität annähern, indem der Mensch sich nicht nur als Subjekt wahrnimmt, sondern gleichzeitig den Körper als sinnliches Objekt auf eine Weise erfährt, die nicht nur distanzierend wirkt, sondern auch eine intime, ungeteilte Einheit ermöglicht. Diese „Verschmelzung“ hat viele positive psychische Effekte:
- Steigerung der Verbundenheit und Intimität
- Aufhebung innerer Spaltungen und ein Gefühl von Ganzheit
- Bewusstseinserweiterung jenseits gewohnter Selbstwahrnehmung
- Förderung des Selbstwertgefühls durch das Erleben als begehrenswertes Objekt und zugleich handelndes Subjekt
Sexualität wirkt über die bloße körperliche Ebene hinaus auf das Selbstverständnis und Selbstbewusstsrin und muss ganz und gar nicht in die Objektwelt polarisieren, sondern hat das Potenzial, kurzzeitig die übliche Trennung zwischen Selbst und Welt aufheben und das Erleben der Ganzheit zu erinnern.
Gesundheit und Sexualität
Regelmäßiger Sex lindert viele verschiedene gesundheitliche körperliche und psychische Probleme, sowie das Risiko für Erkrankungen :
Weniger Schlafstörungen: Sex am Abend kann das Einschlafen erleichtern und Schlafstörungen verbessern. Die nach dem Sex freigesetzten Hormone können wirken beruhigend.
Weniger Fruchtbarkeitsprobleme: Regelmäßiger Sex kann die Fruchtbarkeit steigern. Eine Studie aus den USA zeigt, dass eine hohe sexuelle Aktivität physiologische Veränderungen im Körper auslöst, die die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöhen, sogar außerhalb des Eisprungs.
Weniger Stress und Anspannung: Sexuelle Aktivität trägt zur Entspannung und zum Abbau von Stress bei.
Weniger Schmerzen: Sex kann in manchen Fällen schmerzlindernd wirken.
Prostatakrebs: Eine groß angelegte US-Studie zeigt, dass Männer mit häufigen Ejakulationen im Vergleich zu denjenigen mit einer geringeren Frequenz seltener die Diagnose Prostatakrebs erhalten.
Besseres Immunsystem: Der Austausch von Körpersäften aktiviert unsere Abwehrzellen gegen mögliche Erreger der Partnerin oder des Partners und stärkt so unser Immunsystem. (Nachteil: Man kann sich dabei auch mit einer sexuell-übertragbaren Infektionskrankheit anstecken.)
Besserer Kreislauf: Sexuelle Aktivitäten fördern die Durchblutung des Körpers, wodurch das Herz-Kreislauf-System trainiert wird. Regelmäßiger Sex kann als moderate körperliche Aktivität betrachtet werden und somit positive Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit haben.
Verbesserter Blutdruck: Sex senkt die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol, was Stressfolgen mildert, aber auch dem Blutdruck zugutekommt.
Gesündere Gelenke: Die beim Sex ausgeschütteten Endorphine wirken schmerzlindernd und können beispielsweise Kopf- und Gelenkschmerzen lindern.
Weniger Depressionen: Sexuelle Aktivität kann zur Ausschüttung von stimmungsaufhellenden Hormonen wie Serotonin und Endorphinen führen, was depressive Symptome lindern kann.
Weniger Angststörungen: Sex kann durch den Abbau von Stress und die Freisetzung von Oxytocin zur Entspannung beitragen und Angstsymptome reduzieren.
Weniger stressbedingte Störungen: Sexuelle Aktivität kann Stress abbauen und zur Entspannung beitragen, was stressbedingte psychische Probleme mildern kann.
Mehr Selbstwertgefühl: Positive sexuelle Erfahrungen können das Selbstwertgefühl stärken und ein positives Körperbild fördern.
Weniger Beziehungsprobleme: Regelmäßiger Sex kann die Intimität und Verbundenheit in einer Partnerschaft stärken und so beziehungsbedingte psychische Belastungen reduzieren.
Weniger Sexuelle Funktionsstörungen: Regelmäßige sexuelle Aktivität kann dazu beitragen, sexuelle Ängste abzubauen und die sexuelle Funktion selbst zu verbessern.
Trotz des Wegfallens der körperlichen Anstrengung und der sportlichen Vorteile kann auch Selbstbefriedigung positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Ebenso wie Sex wirkt sich Selbstbefriedigung positiv auf den Stressabbau aus und kann Schmerzen lindern.
Pornografie und Gesundheit
Der Sexualwissenschaftler Kurt Starke verneint die Ansicht, dass einfache Pornografie schädlich oder jugendgefährdend sei. In einer von dem Erotik- und Medienunternehmer Tobias Huch in Auftrag gegebenen Untersuchung einer großen Anzahl von Studien zu diesem Thema kam er zu dem Schluss, dass "eine schädliche Wirkung von Pornografie per se auf Jugendliche nicht belegt werden" könne. Starke hält sogar das Verbot einfacher Pornografie für jugendgefährdend, weil dadurch sexuelle Handlungen dämonisiert würden und es zu einer falschen Selbstwahrnehmung Heranwachsender kommen könne. Eine Studie nach PPUS ergab 2023 einen Anteil suchtgefährdeter Pornografienutzenden von weniger als 5% der Befragten.
Alexander Korte sieht Pornografie grundsätzlich immer dann als Problem an, wenn sie "physisch oder psychisch verletzend, diskriminierend oder ausgrenzend" wirkt.
In das philosophische Selbstverständnis der Aufklärung, welches die größtmögliche Glückseligkeit der Menschen als Ideal sieht, passt die Vorstellung, daß echte Erotik auch der geistigen Liebe bedarf, und dadurch das vollkommene Glück entsteht.
Pornografie als Industrie
Viele Mainstream-Pornos zeigen Sexpraktiken wie Anal- und Oralverkehr in extremen, schmerzhaften oder erniedrigenden Varianten, weil sie in einer patriarchal geprägten Struktur produziert werden, in der männliche Lust und Dominanz im Zentrum stehen. Das hat wenig damit zu tun, wie diese Praktiken sich in einvernehmlichem, lustvollem Sex anfühlen könnten, sondern viel mit Fantasien von Macht, Grenzüberschreitung und „Tabubruch“, die vermarktet werden.
Wie Pornos Rollenbilder formen
In vielen Mainstream-Produktionen wird der Mann als aktiv, dominierend und „fordernd“ inszeniert, während die Frau als Objekt dargestellt wird, das verfügbar ist, viel aushält und alles „gern hat“, auch wenn es offensichtlich weh tut. Solche Bilder transportieren die Idee, dass männliche Lust Vorrang hat und dass es normal sei, wenn Frauen sich anpassen, Schmerzen ertragen oder an ihre Grenzen gehen, um diese Lust zu bedienen.
Warum Schmerz und Extrem inszeniert werden
Schmerz, Würgereflexe oder „fast Ersticken“ beim Oralverkehr und harscher Analverkehr werden oft als besonders „intensiv“ oder „heftig“ verkauft, weil sie in der Logik dieser Filme einen Kick von Macht und Kontrolle darstellen. Dazu kommt, dass Pornos visuelle Übertreibungen brauchen: Je dramatischer die Reaktion des Körpers, desto „spektakulärer“ wirkt es auf dem Bildschirm, was dazu führt, dass Grenzüberschreitungen normalisiert werden.
Einfluss von undifferenziertem Pornokonsum auf Erwartungen
Häufiger Konsum solcher Darstellungen kann die Vorstellung prägen, dass „richtiger“ Sex genauso aussehen müsse: hart, grenzenverschiebend, mit bestimmten Praktiken und Reaktionen. Menschen – gerade junge – übernehmen dann unbewusst Skripte wie „Analverkehr muss weh tun“ oder „Oralverkehr heißt, sie würgt und hält durch“, statt sich an der eigenen Lust, Kommunikation und Zustimmung zu orientieren.[2][8][3]
Anal- und Oralverkehr ohne Patriarchat
Medizinisch und sexologisch gibt es keinen Grund, warum Anal- oder Oralverkehr per se schmerzhaft sein müsste; Schmerz entsteht meist durch fehlende Vorbereitung, zu wenig Gleitmittel, zu schnellen Einstieg oder Druck, statt auf den Körper zu hören. Richtig vorbereitet, gut kommuniziert und freiwillig gewählt ist Anal- und Oralverkehr für alle Beteiligten meist lustvoll und verbindend – gerade dann, wenn Grenzen, Tempo und Bedürfnisse beider Seiten respektiert werden und nicht ein Porno nachgespielt wird.
porn-better.com kommt bei der Frage, ob Pornos ein Spiegel unserer Gesellschaft sind, zu dem Schluss, dass Pornografie heute tief in Kapitalismus, Patriarchat und bestehenden Machtstrukturen verwurzelt ist. Pornos sind keine utopischen Räume sexueller Befreiung, sondern Arbeit, die von gesellschaftlichen Ungleichheiten wie Klasse, Geschlecht und Herkunft geprägt ist. Die Pornoindustrie reflektiert die Werte und Probleme der Gesellschaft, in der sie operiert – etwa Sexismus, cis-Heteronormativität, rassifizierte Begehren und fehlenden Konsens. Diese Muster werden in Pornos nicht erfunden, sondern reproduziert, weil sie marktwirtschaftlich gefragt sind.
Queere, feministische und sexarbeits-positive Produktionen zeigen teilweise, dass Alternativen existieren, aber „ethische Pornografie“ nicht idealisiert werden sollte, da auch dort oft unter prekären Bedingungen gearbeitet werden kann. Entscheidend ist, wie auf und abseits der Sets mit Konsens und Machtverhältnissen umgegangen wird. Kritik an der Pornoindustrie kommt häufig von Menschen, die selbst keine Pornos konsumieren, was das Wachstum progressiver Produktionen erschwert, da der Markt auf Nachfrage reagiert. Solange vor allem cis-hetero Männer mit normativen Erwartungen zahlen, wird die Industrie sich daran orientieren.
porn-better.com betont weiter, dass Pornodarstellende als Arbeitende Rechte, Sicherheit und faire Bezahlung verdienen. Verantwortung als Konsumierender heißt, sich bewusst mit dem eigenen Konsum auseinanderzusetzen – unter welchen Bedingungen ein Porno produziert wurde und wer davon profitiert. Echte Veränderungen in der Branche entstehen nicht durch moralische Panik, sondern durch Arbeitskämpfe, klare Regulierung und kollektives Handeln. Pornografie zeigt eindrücklich, wie Kapitalismus Intimität und Begehren kommerzialisiert und Machtstrukturen perpetuiert.
Weil dort sexuelle Freiheit herrscht, wird in vielen westlichen Demokratien gibt es starke Porno-Industrien, weil dort gleichzeitig mehr individuelle Freiheitsrechte, Marktfreiheit und technische Infrastruktur bestehen – nicht, weil diese Inhalte „automatisch“ demokratisch wären. Pornografie und patriarchale Strukturen widersprechen demokratischen Idealen oft, können aber in denselben Systemen koexistieren, weil Demokratie vor allem den Rahmen der Freiheit bietet und nicht jede Form von Machtungleichheit automatisch auflöst.[2][6]
Politik und sexuelle Freiheit
Die Freiheit der Pornografie, ist nicht so selbstverständlich, wie man glauben mag.
Lediglich die westlichen Länder haben sich zu der Erkenntnis der Bedeutung dieser Freiheit für die Gesellschaft und ihre Gesundheit durchringen können. Diese arglos zu verlieren, ginge mit vielen negativen Konsequenzen und Einschränkungen für uns einher und wir sollten sie sorgsam behüten.
Diese demokratischen, liberalen Staaten schützen Meinungs‑, Kunst‑ und Sexualfreiheit stärker als autoritäre Systeme, wodurch Produktion und Vertrieb sexueller Inhalte rechtlich und praktisch einfacher werden. Gleichzeitig erlaubt wirtschaftliche und digitale Liberalisierung, dass Milliardenmärkte für Pornografie entstehen, in denen sich vor allem das durchsetzt, was viel geklickt wird – auch aus anderen Ländern – und nicht unbedingt das, was gleichberechtigt oder gesund ist.
Patriarchat in liberalen Gesellschaften
Auch westliche Demokratien sind historisch patriarchal geprägt: Frauenwahlrecht, reproduktive Rechte und Gleichstellung kamen spät und noch sind sie umkämpft. Diese Geschlechterordnung spiegelt sich in Medien und Pornos wider, in denen männliche Lust, Kontrolle und Objektifizierung von Frauen häufig dominieren, obwohl die politische Ordnung nach „Freiheit und Gleichheit“ klingt.
Demokratie garantiert in erster Linie Verfahrensregeln (Wahlen, Grundrechte, Rechtsstaat), aber sie garantiert nicht automatisch eine faire Geschlechterkultur oder eine feministische Sexualität. Solange patriarchale Normen gesellschaftlich und ökonomisch rentabel sind, können sie sich in einem freien Markt – inklusive Porno – sogar besonders effizient verbreiten, weil extreme, stereotype Inhalte oft mehr Aufmerksamkeit erzeugen als differenzierte, gleichberechtigte Darstellungen.
Pornos als Verstärker von Machtfantasien
Patriarchale und gewaltvolle Pornografie normalisiert Bilder, in denen männliche Dominanz, weibliche Unterordnung und sexualisierte Gewalt als lustvoll und legitim erscheinen. In Milieus, in denen klassische Geschlechterhierarchien, autoritäre Familienbilder und Misogynie ohnehin verankert sind, können solche Darstellungen als „Beweis“ dienen, dass Unterordnung, Besitzanspruch über Frauen und Härte „natürlich“ und universell seien – und damit autoritäre, machtorientierte Selbstbilder stärken.
Die Forschung zu Autoritarismus zeigt zunächst, dass hierarchische Geschlechterordnungen und patriarchale Familienmodelle oft eng mit autoritären politischen Einstellungen verwoben sind: Wer starke, „klare“ Hierarchien im Privaten bejaht, tendiert eher dazu, sie auch politisch zu akzeptieren. Wenn Pornografie diese Hierarchien mit Lust koppelt (Dominanz = Lust, Unterwerfung = Normalität), kann das psychologisch dazu beitragen, dass Menschen sich insgesamt zu Ordnungen hingezogen fühlen, in denen Sicherheit, Kontrolle und Besitzdenken wichtiger erscheinen als Freiheit, Ambivalenz und Gleichberechtigung.
Die Wirkung von Machtfantasien ist nicht linear: Denn nicht jeder Konsument patriarchaler Pornos wird automatisch gewalttätig oder geopolitisch aggressiv; das Problem besteht eher in der schleichenden Normalisierung und Emotionalisierung von Ungleichheit. In Gesellschaften oder Gruppen, in denen religiöser Fundamentalismus, Nationalismus oder patriarchale Tradition ohnehin stark sind, können diese Bilder trotzdem als emotionales Brennmaterial dienen – sie passen in ein Gesamtpaket aus Männlichkeits‑, Gewalt‑ und Herrschaftsfantasien und können so indirekt auch aggressives, besitzergreifendes Streben ideologisch „aufgeladen“ wirken lassen.
Porno, wenn er Liebe zeigt
Fem porn versucht, patriarchale Muster umzudrehen:
- Fokus auf Konsens, gegenseitiges Begehren und Grenzen aller Beteiligten, statt einseitig männliche Lust zu bedienen.
- Sichtbare Zuwendung: Berührungen, Küsse, Augenkontakt, Emotionen und echte Lust sollen zentral sein, nicht nur „technische“ Akte oder Leistungsdruck.
Damit können Szenen eher wie intime Momente zwischen Menschen wirken, die etwas Schönes miteinander teilen – auch wenn es explizit bleibt.
Viele Projekte verstehen sich explizit als politisch:
- Sie wollen zeigen, dass alle Geschlechter Subjekte ihrer Sexualität sind, nicht Objekte, und dass Körpervielfalt, queere Identitäten und verschiedene Beziehungsformen Platz haben.
- „Liebe zeigen, Liebe teilen“ heißt hier nicht nur Romantik, sondern auch: Machtverhältnisse reflektieren, faire Arbeitsbedingungen am Set, transparente Grenzen und echte Zustimmung der Darstellenden.
Im Unterschied zum Mainstream ist genau diese Art von geteilter, respektvoller Lust das erklärte Ziel.
Wie fast immer, so geht auch beim Porno als Medium die Gewalt nicht vom Medium selbst aus, sondern von denen, die dieses Medium (falsch) benutzen – sowohl als Produzenten, als auch als Konsumenten.
Kritik der sexuellen Repression
Dass bereits die Idee der Zensur von Verbalerotik von Kindesbeinen an irgendwann auf absurde Grenzen stößt, dies haben bereits die britischen Humoristen Matt Lucas und David Walliams überspitzt in ihrer Sketch-Show "Little Britain" ausführlich vorgeführt.
Wilhelm Reich (1897-1957) hielt die „voreheliche Keuschheit“ und „sexualfeindliche Zwangsmoral“ mit der Verpönung der Masturbation für lebensfeindlich und krankmachend. Er beschrieb in seinem Werk Der triebhafte Charakter, wie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aus der Unterdrückung von sexuellen und emotionalen Trieben resultieren. Diese Charaktere neigen dazu, autoritär zu sein und zeigen oft eine Abneigung gegen Freiheit und Selbstverwirklichung, sodass sie Zensuren eher bejahen würden. Diese positive Rückkopplung repräsentiert so die Selbsterhaltung des Problems. So argumentiert Reich, dass die Unterdrückung von Sexualität nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen hat. Er sieht einen Zusammenhang zwischen der psychologischen Verfassung des Individuums und den größeren sozialen Strukturen, die autoritäres Verhalten fördern.
Michel Foucault (1926-1984) argumentierte außerdem in seinem Werk "Sexualität und Wahrheit, dass Sexualität nicht als natürliche oder biologische Angelegenheit existiert, sondern als soziale Konstruktion, die von Macht und Wissen geprägt wird. Er beschrieb, wie sich im 18. und 19. Jahrhundert ein “Sexualdispositiv” entwickelte, das die Sexualität als Objekt von Wissenschaft, Medizin, Recht und Moral bestimmte und kontrollierte. Foucault betonte die Bedeutung der Beichte und des Geständnisses in der christlichen Tradition für die Formierung der Sexualität als verbotene und schuldige Angelegenheit. Er kritisierte die traditionelle Sexualpolitik, die die Sexualität als "something to be repressed and controlled" (etwas zu unterdrücken und zu kontrollieren) betrachtet, anstatt sie als freie und selbstbestimmte Erfahrung zu akzeptieren. So forderte er eine neue, freiere und selbstbestimmte Sexualität, die sich von den Zwängen der Macht und des Wissens befreien muss.
Lügen und Aberglauben zur Rechtfertigung sexueller Repression
Die folgenden Lügen und Aberglauben rund um Selbstbefriedigung und Sex haben wir losgelassen:
| Mythos | Beschreibung | Ursprung / Hintergrund |
|---|---|---|
| 1. Beim Orgasmus sterben Hirnzellen ab | Falsch: Es gibt keine Beweise, dass Orgasmen Hirnzellen töten. Diese Behauptung dient wohl dazu, sexuelle Lust als gefährlich darzustellen und war vermutlich Teil moralischer Erziehung. | Früher wurde Sexualität oft pathologisiert und als gesundheitsschädlich gesehen, um sexuelle Aktivität einzudämmen . |
| 2. Masturbation macht blind | Irrglaube, dass Selbstbefriedigung Augen schädigen würde. Kein medizinischer Beleg existiert. | Dieser Mythos sollte Menschen von Masturbation abhalten, basierend auf Scham- und Tabuisierungskultur . |
| 3. Masturbation verursacht Pickel | Keine wissenschaftliche Grundlage, aber weit verbreitet. | Vermutlich durch gesellschaftliche Unkenntnis und Ablehnung sexueller Aktivitäten entstanden . |
| 4. Masturbation macht ungesund oder schwach | Früher galt Selbstbefriedigung als Ursache für Krankheiten oder Schwäche. | Medizinische Fehldeutungen und moralische Dogmen führten zu dieser Ansicht, um Sexualität zu kontrollieren . |
| 5. Masturbierende Menschen haben weniger Lust auf Sex mit Partner | Falsch, Masturbation kann sexuelle Lust sogar steigern. | Entstand aus Angst, dass Masturbation als Ersatz für Partnerschaft empfunden wird . |
| 6. Viel Sex oder Masturbation lässt die Vagina "ausleiern" | Ein häufig missverstandener Mythos. Die Vagina ist muskulös und dehnbar, sie „leiert“ nicht aus . | Ursprünglich ein gesellschaftliches Werkzeug, um weibliche Sexualität einzuschränken. |
| 7. Männer mit beschnittenem Penis halten länger durch | Keine wissenschaftliche Grundlage. | Entsteht aus Halbwissen über Empfindlichkeit und kulturelle Vorstellungen . |
| 8. Es gibt keinen G-Punkt | Wissenschaftlich umstritten, aber viele Frauen empfinden ihn als lustvoll . | Mythen spiegeln oftmals Wissenslücken und Tabus rund um weibliche Lust wider. |
| 9. Masturbation ist nur etwas für Singles | Falsch, viele Menschen masturbieren auch in Partnerschaften . | Mythos entstand wohl aus konservativen Vorstellungen über Sexualität in Beziehungen. |
| 10. Masturbation ist unnatürlich oder unmoralisch | Sexualität wurde oft als „sündhaft“ oder „unrein“ betrachtet. | Religiöse und kulturelle Tabus bestimmten die negative Sicht auf Selbstbefriedigung . |
Sie stammen alle aus historischer Unwissenheit, gesellschaftlichen Tabus und Versuchen, Sexualität zu KONTROLLIEREN. In vielen Kulturen wurde Masturbation als unmoralisch oder gesundheitsschädlich stigmatisiert, um gesellschaftliche Normen durchzusetzen und Sex zu regulieren. Heute wissen wir, dass Sex gesund, normal und psychisch entlastend ist .
Die moderne Forschung und Aufklärung räumen diese Mythen auf: Masturbation senkt Stress, fördert das Wohlbefinden und schadet nicht der körperlichen oder geistigen Gesundheit. Viele Vorurteile beruhen also nicht auf Fakten, sondern auf kulturellen Ängsten, Scham und Fehlinformation.