Raising Hell: Wie das Tier durch den Nikolaus kam
Autor: Gerd Raudenbusch
Stand: 06.11.2026
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Schokonikuläuse. Quelle: |
Hellraiser. Quelle: |
Doch was hat die Figur „Santa Claus" alias „Nikolaus" generell mit Gewalt an Kindern zu tun?
Dass Santa Claus in die Stadt kam, wie im Lied besungen, ist Tatsache: Die beiden Figuren Nikolaus und sein Begleiter Knecht Ruprecht (in alpinen Regionen als Krampus bekannt) zogen ab etwa dem 17. Jahrhundert – mit Wurzeln in noch älteren heidnischen Traditionen – von Haus zu Haus durch die Straßen. Während der Nikolaus als Gabenbringer auftrat, war Knecht Ruprecht der „bärenhafte, bepelzte" Kinderschreck, der unartigen Kindern mit der Rute drohte und sie bestrafte. Ursprünglich war der gesamte Zug sogar ein Bettelgang: Die Gruppe sammelte Gaben für Bedürftige ein, bevor sich der Nikolaus zum reinen Schenkenden wandelte. Der Brauch wurde besonders in Bayern, Österreich, Südtirol und den Alpenregionen gepflegt und lebt in den heutigen Krampusläufen am 5. Dezember weiter.
Wer Nikolaus war
Nikolaus von Myra war ein griechischer Bischof im 4. Jahrhundert, der in der heutigen Türkei (Lykien) lebte und am 6. Dezember starb. Sein Name Nikólaos bedeutet „Sieg des Volkes". Historiker gehen davon aus, dass sich die Legenden von zwei Bischöfen namens Nikolaus zu einer einzigen mythischen Figur verschmolzen – dem bekannteren Nikolaus von Myra (4. Jh.) und einem Nikolaus von Sion (6. Jh.), der als Abt und später Bischof von Pinara wirkte. Da der erste viel bekannter war, schrieb man ihm auch die Taten des zweiten zu. Nach seinem Tod (6. Dezember, ca. 345–350 n. Chr.) wuchs seine Verehrung rasant. Im 11. Jahrhundert (1087) brachten italienische Seeleute seine Gebeine nach Bari, wo sie bis heute in der Basilika San Nicola ruhen. Der 6. Dezember wurde zu seinem Gedenktag, und die Geschichte der heimlichen Goldspende an die drei Mädchen legte den Grundstein für die bis heute lebendige Nikolaus-Tradition in Mitteleuropa.
Warum der Nikolaus nicht witzig ist
Die drei zentralen Bibelstellen, welche im Alten Testament die körperliche Züchtigung von Kindern rechtfertigen, lauten:
„Entziehe dem Knaben die Züchtigung nicht! Wenn du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit der Rute, und du errettest seine Seele von dem Scheol." (Sprüche 23,13–14)
„Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht." (Sprüche 13,24)
„Steckt Torheit im Herzen des Knaben, die Rute der Zucht vertreibt sie daraus." (Sprüche 22,15)
Genau diese Kombination – der Apfel als Belohnung, die Rute als
Bestrafung – prägte den Nikolaus-Brauch.
Martin Luther formulierte noch das
Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche" und empfahl, „neben den Apfel eine
Rute zu legen" – die beiden Attribute des Nikolaus und seines Gehilfen
Knecht Ruprecht.
Von der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Birkenrute ein weitverbreitetes Züchtigungsinstrument in Mittel-, Nord- und Osteuropa – in der Schule, im Elternhaus, im Militär. In der DDR wurden Körperstrafen an Schulen bereits 1949 abgeschafft. In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte das generelle Verbot der Prügelstrafe an Schulen 1973; in Bayern erst 1980 (ein Gericht hatte noch 1979 ein „gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht" bejaht). Im Elternhaus bestand das Züchtigungsrecht bis 2000, als der Bundestag mit der Änderung des § 1631 BGB das Recht auf gewaltfreie Erziehung verankerte: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."
Weltweit sind nur knapp 70 Länder vollständig vor Körperstrafe geschützt; in 134 Ländern sind Kinder nicht in allen Lebensbereichen gesetzlich vor der Prügelstrafe geschützt.
Lediglich in den rot markierten Ländern ist die körperliche Züchtigung von Kindern verboten. Quelle: brilliantmaps.com
| Kontinent | Beispiele |
|---|---|
| Nordamerika | USA (in 19 Bundesstaaten an öffentlichen Schulen erlaubt: Alabama, Arizona, Arkansas, Colorado, Florida, Georgia, Idaho, Indiana, Kansas, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Missouri, North Carolina, Oklahoma, South Carolina, Tennessee, Texas, Wyoming); Kanada (bis 12 Jahre) |
| Südamerika | Brasilien, Venezuela (teilweise) |
| Europa | Schweiz, Italien, Belgien, Tschechien, Slowakei (elterliche Körperstrafe noch nicht vollständig verboten) |
| Afrika | Nur 8 von 54 Ländern haben ein vollständiges Verbot; in den meisten Ländern noch erlaubt (z. B. Uganda, Tansania – auch an Schulen) |
| Asien | Indien, Vietnam, Laos, Afghanistan, Nordkorea, Singapur, Malaysia, Indonesien, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien (Scharia) |
| Ozeanien | In den meisten Ländern noch erlaubt (z. B. Fidschi, Papua-Neuguinea) |
| Justizielle Körperstrafe (staatlich verhängt) | Afghanistan, Bahamas, Brunei, Guyana, Indonesien, Iran, Jemen, Malaysia, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien, Singapur, Sudan |
Die Sprüche Salomos – Spr 23,13–14, 13,24, 22,15, 29,15 – werden in konservativen christlichen Kreisen als vom Gottesbefehl abgeleitetes imperatives Gebot gelesen, und nicht als weisheitliche Beobachtung. In den Vereinigten Staaten ist die körperliche Züchtigung in fünfzehn Bundesstaaten in öffentlichen Schulen bis heute weiterhin legal; im Schuljahr 2015/16 wurden über 92.000 Kinder mit einem Paddle geschlagen, viermal so häufig Schwarze wie Weiße. Der Supreme Court entschied 1977 in Ingraham v. Wright, dass das Verbot „cruel and unusual punishment" auf Schüler nicht anwendbar ist.
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Lederpaddel mit Löchern, enthält zur Verringerung des
Luftwiderstands einige kleinere Löcher,
wodurch die Züchtigung deutlich
schmerzhafter wird. Quelle: Wikipedia,
CC BY-SA 3.0.
Bibeltreue, bzw. evangelikale Christen (z.B. "The Montgomery Line", ein Ehepaar christlicher Redner aus Georgia) vertreiben handgefertigte Holz-Paddles für 35,95 Dollar zur Bestrafung, beschriftet mit Spr 29,15, accompanied by laminierten „Spanking Guidelines" und dem Buch Biblical Child Discipline Made Plain. Die Anleitung empfiehlt ausdrücklich, ein Gegenstand sei „geeigneter als die Hand, weil er genug Schmerz zufügen kann, um die Botschaft zu vermitteln, dass Ungehorsam wehtut."
Auch in christlichen Buchhandlungen in den USA sind Paddles mit Bibelversen erhältlich. Die Verbindung zur Bibelstelle ist also real. Das flache Holzpaddel (engl. paddle) wird als Körperstrafinstrument an Schulen und in religiösen Familien befürwortet. Es entstammt dem wash paddle oder laundry beater (im Deutschen dem Wäschestampfer bzw. Bleuel).
„Das große Waschfest vor der Stadt“, Miniaturmalerei aus Splendor
Solis
(alchimistische Handschrift, Nürnberg, 1531, Detail), Quelle: Wikipedia,
gemeinfrei
Ein religiöser Text also, die Bibel, dessen historische Datierung zweitausend Jahre lang nicht gesichert werden konnte, dient bis heute Einigen als Grundlage für die körperliche Bestrafung von Kindern. Die Unbestimmbarkeit des Datums ist dabei kein Mangel, sondern eine Funktion. Was man nicht widerlegen kann, weil man es nicht kennt, wird zum Dogma. Und ein Dogma, das Schmerz autorisiert, benötigt keine Evidenz – es benötigt nur die Autorität, die dahintersteht.
Warum Behaviorismus dem Menschen unangemessen ist
Der Kybernetiker und Sozialwissenschaftler Gregory Bateson beschreibt das Lernen in fünf logischen Kategorien:| Stufe | Beschreibung | Alter | Paradigma |
|---|---|---|---|
| Lernen 0 | Starrer Reiz–Reaktions-Reflex; kein innerer Verarbeitungsprozess, keine Korrektur – reines Konditionieren. Neugeborene besitzen angeborene Reflexe (Moro-, Saugreflex). | 0 Jahre (Geburt) | Behaviorismus |
| Lernen I | Operantes / klassisches Konditionieren: Fehlerkorrektur innerhalb eines gegebenen Alternativen-Satzes. Fokus auf beobachtbares Verhalten. Das Kind lernt durch Wiederholung und Verstärkung. | 0–2 Jahre (sensomotorische Phase) | Behaviorismus |
| Lernen II | „Lernen, zu lernen" – Veränderung der Lernstrategien und des Alternativen-Satzes selbst. Metakognition, mentale Modelle, kognitive Umstrukturierung. Volle Ausprägung erst in der Jugend (12+). | ca. 7–12 Jahre (konkret-operationale → frühe formale Phase) | Kognitivismus |
| Lernen III | Infragestellung der Grundannahmen und des Selbst; „Paradigmenwechsel". Bateson wird selbst den Konstruktivisten zugerechnet (neben Heinz von Foerster, Paul Watzlawick, Niklas Luhmann und vielen weiteren) – Lernen als autopoietische Selbstbezug. Diese Art des Lernen setzt eine ausgereifte Identität voraus. | ca. 18–25+ Jahre (frühes Erwachsenenalter) | Konstruktivismus |
| Lernen IV | Evolutionäre Ebene; bei keinem einzelnen Organismus auftritt. Entspricht keinem der drei Paradigmen, sondern der Phylogenese. | N/A (Phylogenese) | – (kein Paradigma) |
Die Erziehung mit Strafe und Belohnung beschränkt sich also auf Stufe 0 und 1. Das Problem ist dabei nicht, dass es nicht funktioniert, sondern was es verhindert. Die empirische Forschung zur intrinsischen Motivation, insbesondere die Arbeiten von Edward Deci und Richard Ryan zur Selbstbestimmungstheorie sowie die Studien von Mark Lepper (1983) zum overjustification effect, zeigen: Externe Belohnungen für ein Verhalten, das ein Kind ohnehin intrinsisch motiviert, untergraben diese intrinsische Motivation. Ein Kind, das aus Interesse malt, malt nach Einführung einer Belohnung weniger – und nach deren Wegfall noch weniger als zuvor.
Bestrafung zeigt ein ähnliches Muster. Sie unterdrückt das unerwünschte Verhalten in der Gegenwart, erzeugt aber keine kognitive Verarbeitung davon. Das Kind lernt nicht warum ein Verhalten unangemessen ist, sondern nur dass es bestraft wird. Die Folge ist entweder Vermeidungsverhalten (das Kind lernt, die Bestrafung zu umgehen) oder generalisierte Angst (Autorität als Bedrohung zu klassifizieren). Beides ist kein wirkliches Lernen im eigentlichen Sinn.
Dies ignoriert kognitive und emotionale Entwicklungsschritte, die für die Ausbildung von moralischem Urteilsvermögen notwendig sind. Lawrence Kohlberg hat gezeigt, dass moralische Entwicklung von der Vermeidung von Bestrafung (Stufe 1) über die Einhaltung von Regeln aus Angst (Stufe 2) bis zur Internalisierung von Prinzipien (Stufe 5/6) läuft. Ein System, das auf Belohnung und Bestrafung basiert, hält das Kind auf Stufe 1 oder 2 gefangen. Es kann Stufe 3 und höher nicht erreichen, weil die kognitive Struktur, die für abstraktes ethisches Denken erforderlich ist, erst durch kognitive Dissonanz, Perspektivnahme und rationale Diskussion aufgebaut wird – und nicht durch Konditionierung.
in der Pubertät, im jungen Erwachsenenalter, in Situationen, in denen keine Aufsichtsperson present ist, wird die innere Struktur, die das Verhalten trägt, fehlen. Das ist nicht ein Versagen des Behaviourismus, sondern das ist seine logische Grenze.
Am Krückstock laufen lernen
Die neurowissenschaftliche Forschung der letzten fünfzig Jahre hat das Konzept der erlernten Hilflosigkeit grundlegend korrigiert. Steven Maier und Martin Seligman zeigten 2016 in ihrer Synthese „Learned Helplessness at Fifty", dass das Gehirn keine Hilflosigkeit erlernen kann, sondern zunächst dem Grundzustand entspricht. Die Passivität, die Seligmans Hunde 1967 zeigten, war kein erlerntes Verhalten – sie war die natürliche Reaktion des Gehirns auf anhaltende aversive Stimulation. Was gelernt wird, ist also das Gegenteil: die Fähigkeit, Kontrolle zu erkennen und aktiv zu reagieren.
Bischofsstab ("Hirtenstab"), Ende des 13. Jahrhunderts, Limoges,
Frankreich.
In den Sammlungen des Hermitage-Museums in Sankt Petersburg.
Quelle: Wikipedia,
gemeinfrei.
Der dorsale Raphe-Kern (DRN), ein serotonerger Hirnstammkern, ist ab der Geburt aktiv. Er hemmt das Fluchtverhalten und potentiiert Angst. Der ventromediale präfrontale Kortex (vMPC), der die Kontrolle erkennt und den DRN hemmt, reift erst im Laufe der Kindheit und Jugend. Er benötigt Erfahrungen mit kontrollierbaren Ergebnissen, um seine Funktion zu entwickeln. Maier spricht von „behavioral immunization": Tiere, die vor der Exposition mit unkontrollierbarem Stress die Erfahrung machen, dass ihre Handlungen eine Wirkung haben, entwickeln keine Passivität – ihr vMPC ist trainiert, das Agency-Signal aufrechtzuerhalten.
| Faktor | Zeitfenster |
|---|---|
| DRN aktiv (Grundzustand: Passivität) | ab Geburt |
| vMPC-Reifung (Kontrollerkennung) | ca. 3–12 Jahre, vollständige Reifung ~25 |
| Kritisches Trainingsfenster für vMPC | frühe und mittlere Kindheit |
| Neuroplastizität (Abbau etablierter Zirkuits) | nimmt mit dem Alter exponentiell ab |
Das heißt, Ein Kind, das in den Jahren 3–12 durch behaviouristische Erziehung überwiegend die Erfahrung macht, dass seine Handlungen keine Wirkung haben – dass der Schrei nicht gehört wird und der Widerspruch bestraft wird, und dass die Bestrafung unabhängig vom Verhalten eintritt, trainiert seinen vMPC nicht. Der DRN bleibt ungebremst. Die Passivität ist nicht „erlernt" – sie ist nie überschrieben worden.
Die Frontiers-Studie von 2023 formuliert die Konsequenz von belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACE) sehr präzise:
„The timing and duration of ACEs are crucial, in that early and prolonged negative experiences in childhood can have detrimental effects on an individual's perception of control and agency. As such, even if positive experiences occur later in childhood or in adulthood, they may not be enough to undo the psychological damage caused by ACEs that were prolonged and/or that occurred early in childhood."
(„Der Zeitpunkt und die Dauer von ACEs sind entscheidend, da frühe und anhaltende negative Erfahrungen in der Kindheit sich nachteilig auf das Gefühl der Kontrolle und Handlungsfähigkeit eines Menschen auswirken können. Selbst wenn später in der Kindheit oder im Erwachsenenalter positive Erfahrungen gemacht werden, reichen diese möglicherweise nicht aus, um die psychischen Schäden rückgängig zu machen, die durch lang anhaltende und/oder früh in der Kindheit aufgetretene ACEs verursacht wurden.“)
Die langfristige Trajektorie ist in der Längsschnittforschung dokumentiert: Die erlernte Hilflosigkeit steigt von Klasse 7 bis Klasse 11 linear an (Durchschnitt: +0,21 Einheiten über vier Jahre), und der Ausgangswert prägt die Steigung. Ein höherer Anfangswert führt zu einer flacheren Zunahme, weil das System bereits in der Passivität „eingefahren" ist. Die Entwicklung ist also nicht linear, sondern kumulativ und selbstverstärkend: Jede weitere Erfahrung der Nicht-Kontingenz bestätigt die bereits etablierte Erwartung, dass Handeln wirkungslos ist.
Das Nikolaus-Modell hat eine klare Logik, die sich in drei Schichten zerlegen lässt:
1.: Konditionierung. Belohnung verstärkt erwünschtes Verhalten, Bestrafung schwächt unerwünschtes. Das ist operante Konditionierung im engeren Sinn – B. F. Skinner hat die Mechanik beschrieben. In dieser Hinsicht funktioniert das System: Es erzeugt kurzfristige Verhaltensänderung.
2.: Internalisierung. Die sakrale Rahmung – die Rute kommt von Gott, der Apfel ist seine Gnade – soll das Kind dazu bringen, die äußere Autorität in eine innere zu überführen. Das Kind soll lernen, sich selbst zu bestrafen. Das ist der eigentliche Zweck der Szene: nicht der Schlag, sondern die Verinnerlichung des Schlages.
3.: Selektion. Das System sortiert. Kinder, die auf Belohnung reagieren, werden als „gut" klassifiziert. Kinder, die auf Bestrafung nicht reagieren – oder die sich wehren – werden als „unartig" klassifiziert. Die Kategorie „unartig" ist dabei keine Beschreibung, sondern eine Zuweisung, die die Machtasymmetrie zementiert: Der Erwachsene entscheidet, was „gut" ist, und das Kind kann diese Entscheidung nicht hinterfragen.
Das bedeutet für den Nikolaus zu Hause und im Kindergarten: Ein Kind, das im Alter von fünf bis sieben Jahren – also im kritischen Fenster der vMPC-Reifung – jedes Jahr im Dezember die Erfahrung macht, dass seine „Leistung" (Gedicht, Gebet) von einer sakralen Autorität bewertet wird, vor der es sich rechtfertigen muss, und dass die Konsequenz von „Nicht-Gutsein" physischer Schmerz sein kann, erhält in diesem Fenster eine wiederholte, ritualisierte Non-Contingency-Erfahrung. Die Handlung (Gedicht rezitieren) ist nicht kontingent auf das Ergebnis (Rute oder Apfel), welches von außen zugewiesen wird, und die Autorität, die zuweist, ist nicht hinterfragbar.
Der Nikolaus ist kein „Symbol", sondern ein Trainingsprotokoll für
den vMPC, das die genau falsche Assoziation erzeugt:
Handlung
--führt zu--> Bewertung durch unantastbare Autorität --führt zu-->
unkontrollierbaren, aversiven Ergebnissen.
Und weil dies im kritischen Fenster der Kindheit stattfindet, hat es die größte Wirkung, die der empfindlichen Architektur des Gehirns zustoßen kann, verursacht also maximalen Schaden.
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Theodor Hosemann: Schulische Prügelstrafe in Preußen, 1842.
Quelle: Wikipedia,
gemeinfrei.
Ein Teufelskreis: Stolzer steifer Stock → Stock-steifer Stolz → Stolzer steifer Stock.
Totaler Gehorsam ist sowieso nicht erreichbar, weil die kognitiven Voraussetzungen für bedingungslosen Gehorsam im Menschen nicht existieren, bevor die präfrontale Kortexreifung abgeschlossen ist – und die ist mit etwa 25 Jahren noch nicht vollständig. Ein Kind unter zwölf Jahren besitzt neurologisch gar nicht die Kapazität, zwischen einer Anweisung und einem moralischen Urteil zu unterscheiden. Es kann gehorchen, aber es kann nicht verstehen, warum es gehorcht. Und ein Gehorsam ohne Verständnis ist kein Gehorsam – er ist eine Reflexreaktion, die bei Wegfall des Stimulus erlischt.
Totaler Gehorsam ist auch nicht erstrebenswert, weil die Entwicklung eines autonomen Subjekts die Fähigkeit voraussetzt, Autorität zu hinterfragen. Das Milgram-Experiment (1961) hat gezeigt, dass 36 von 40 Probanden einer Autorität folgten, die ihnen befahl, einen anderen Menschen mit Elektroschocks zu bestrafen – bis zum Maximum, das den Tod zur Folge gehabt hätte. Die Bedingung, unter der dies geschah, war genau die, die das Gehorsamssystem im Kindesalter erzeugt: eine autoritäre Figur, die die Verantwortung übernimmt, und ein Subjekt, das gelernt hat, nicht zu widersprechen. Die Entwicklung eines Menschen, der in der Lage ist, eine unangemessene Anweisung zu erkennen und zu verweigern, setzt voraus, dass er in der Kindheit die Erfahrung gemacht hat, dass sein Widerspruch gehört wird.
Die Alternative zum Gehorsam ist also nicht Ungehorsam, sondern Kritikfähigkeit. Ein Kind, das eine Anweisung hinterfragen kann, ohne die Beziehung zur Autorität zu zerstören, ist nicht „unartig", sondern es ist auf dem Weg zu einem Subjekt, das in der Lage ist, moralische Urteile zu fällen, die nicht von den externen Gegebenheiten und Bestätigungen des Systems abhängen. Dies ist die einzige Form von „Gutsein", die in einer freien Gesellschaft heutzutage wirklich funktionsfähig ist.
Dagegen inszeniert die Nikolaus-Szene in komprimierter Form: ein Kind steht, ein Erwachsener fragt, ein dunkler Begleiter hält einen Ast. Die Belohnung (Apfel, Schokolade) und die Bestrafung (Rute, Rupsack) sind in einer einzigen Figur verschränkt. Das Kind muss ggf. leisten (ein Gedicht, ein Gebet) und wird bewertet. Die Bewertung ist endgültig, weil die Autorität sakral ist, und die Konsequenz ist physisch.
Das ist kein Fest! Das ist eine Prüfung, die auf einem Konditionierungsmodell basiert, das in seiner Logik nicht über kurzfristiges Verhaltensmanagement hinausreicht, und auf einem Gehorsamsideal, das entwicklungspsychologisch weder erreichbar noch erstrebenswert ist. Und sie findet im kritischen Entwicklungs-Fenster statt, in dem die Neuroplastizität des vMPC am größten ist – also in genau dem Alter, in dem die Szene ihre Wirkung am stärksten entfaltet.
Zuckerbrot und Peitsche
Erste Belege dieser Redewendung stammen aus den Jahren 1872/73. Sie entstand im Kontext der Sozialgesetzgebung Otto von Bismarcks: Die Sozialdemokratie beschimpfte den Reichskanzler mit dem Spruch „Sein Zuckerbrot verachten wir, seine Peitsche zerbrechen wir." Das Zuckerbrot stand für die Bindung der Arbeiterschaft an die herrschende Ordnung, die Peitsche für die repressive Gesetzgebung. Die Metaphorik ist politisch und nicht pädagogisch geprägt. Die sozialdemokratische Losung von 1872/73 hat heute ihre politische Pointe verloren, doch ihr historischer Wert lässt sich dem ikolaus gegenüberstellen.
Die Losung von 1872/73 sagte: Wir akzeptieren weder die Bindung
noch die Bestrafung. Wir erkennen die Autorität, die hinter beiden
steht, nicht an. Übertragen auf den 6. Dezember bedeutet das:
- Man kann dem Kind einen Apfel geben, ohne es vorher zu fragen, ob es „gut" war.
- Man kann dem Kind sagen, dass man es liebt, ohne eine Bedingung anzuhängen.
- Und man kann die Rute des dunklen Begleiters weglassen – nicht, weil der dunkle Begleiter unsympathisch ist, sondern weil das Instrument, das er hält, in einem System funktioniert, das seit 1989 und seit 2000 für unzulässig erklärt ist.
Die Peitsche ist die Rute, der Ast, der Zweig in der Stiefelsohle, das Paddle (welches übrigens dem Bleuel entspringt). Sie ist das Instrument der Drohung. Die Pointe des „Zerbrechens" liegt nicht darin, den Gegenstand zu zerstören – sie liegt darin, die Funktion zu zerstören. Eine Rute, die nicht mehr schlagen kann, ist kein Symbol mehr. Sie ist ein Stück Holz. Und ein Stück Holz, das kein Kind mehr fürchtet, ist aus der Szene entfernt.
Das Zuckerbrot ist der Apfel, die Schokolade, das „Du warst gut, du bekommst was." Es ist die bedingte Belohnung: Du erhältst Gnade, weil du geleistet hast. Die Pointe des „Verachtens" liegt nicht darin, die Belohnung abzulehnen. Sie liegt darin, die Bedingung abzulehnen. Ein Kind, das bedingungslos geliebt wird, braucht keinen Apfel, um zu wissen, dass es etwas wert ist. Das Zuckerbrot ist nicht das Geschenk – es ist die Quittung. Und eine Quittung zu verachten heißt: Ich werde nicht durch deine Leistung bewertet. Mein Wert ist nicht verhandelbar.
„Zucker zaubert Leistung" ‒
Südzucker-Werbung von 1950-1960.
Quelle: archive.org, unter CC BY-ND 4.0
Die Werbung von 1950-1960 hat tatsächlich empfohlen, Zucker auf Butterbrot zu essen. Das Ulmer Zuckerbrot von 1597 hingegen bestand aus Hefeteig mit Rosenwasser, Anis und Fenchel und war so teuer, dass es nur reiche Leute erschwingen konnten.
„Zucker zaubert – nimm deshalb mehr!" ‒
Südzucker-Werbung von 1950-1960.
Quelle: archive.org, unter CC BY-ND 4.0
Parallel zur Werbekampagne soll die Industrie ab 1961 Wissenschaftler an der Harvard University bestochen haben, um Studien zu veröffentlichen, die Fette und Cholesterin – nicht aber Zucker – als Hauptverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellten.So ist es über die dunkle Vergangenheit des Nikolaus hinaus auch mehr als fragwürdig, ob es wirklich schlau ist, jährlich die künstlich verteuerten Schokomänner an der Bezahlschranke jener Konsumlabyrinthe der Großkapitalisten für die eigenen Kinder in den Einkaufskorb zu legen, von denen man fast denken könnte, dass sie um jeden Preis über ihre Leichen gehen würden, bzw. ob ihnen vielleicht nicht sogar der Geniestreich gelungen ist, Zuckerbrot und Peitsche in einem Produkt zu vereinen, welches als „traditionelles Kulturgut" getarnt wird, einfach weil selbstgemachte Bratäpfel nicht vom wohlwollenden Geldbeutel genug gewürdigt wurden und ein unbedarfter Biss in den Apfel womöglich plötzlich noch gesündere Säfte wecken würde, die schon seit über 2000 Jahren in gleicher Tradition als sündig und verrucht verurteilt wurden.
ARTE ‒ Die große Zuckerlüge. Quelle: archive.org, (C) 2019 ARTE.
Der Film zeigt die PR-Taktiken der Zuckerindustrie (Great Western Sugar Company, Sugar Association) und deren Verflechtung mit der Ernährungswissenschaft. Die Zuckerindustrie hat über 40 Jahre lang systematisch die gesundheitlichen Schäden von Zucker verharmlost und gleichzeitig die Welternährung „verzuckert" – vergleichbar mit dem Vorgehen der Tabakindustrie. Als Folge davon hat sich die Zahl der Übergewichtigen auf 600 Mio. verdoppelt, die der Diabetiker auf 347 Mio. verdreifacht, und nichtalkoholische Fettlebern werden inzwischen auch bei Kindern diagnostiziert.
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Karikatur von Bismarck mit Peitsche und dem deutschen Michel
in der
Prager Zeitschrift Humoristické listy (1878), Quelle: Wikipedia,
CC BY-SA
4.0
Die Frage am 6. Dezember ist nicht vorrangig, ob man den Nikolaus
abschafft, sondern ob das Kind, das vor der Tür steht, zu lernen
gezwungen wird, dass sein Selbstwert von äußerer Bewertung abhängt,
die es nicht hinterfragen kann.
Dieses Zuckerbrot verdient Verachtung, dieses Peitsche wird gebrochen ‒
Nicht weil der Nikolaus böse ist, sondern weil
das Kind, das vor der Tür steht (und das kann sogar das eigene Innere
eines Erwachsenen sein), nicht mehr wissen müssen sollte, dass Kinder
vor Türen stehen gelassen werden, um zu erfahren, dass sie etwas wert sind.
