Wilhelm Tell: Das Phantasma unter Beschuss
Autor: Gerd RaudenbuschStand: 08.07.2026
Visualisierung des Wahrheitszuordnungsgedanken der kath. Kirche
nach der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium (Nr. 13 und Nr. 16).
Quelle: Rosso Robot in Wikipedia, CC BY-SA 3.0
Erwachsensein als die verbotene Frucht
Negativhermeneutisch betrachtet, hätte Eva's Apfel genauso gut von Eris sein können, denn der lateinische Kirchenvater Hieronymus wählte bei der Übersetzung der Bibel ins Lateinische (Vulgata) im 4. Jahrhundert für die „verbotene Frucht“ das Wort „malum“. Dieses Wort ist ein Homonym:
- malum (kurzes „a“) bedeutet „Apfel“.
- mălum (langes „a“, im Schriftbild oft identisch) bedeutet „das Böse“ oder „Unglück“.
Das hebräische originale Wort für die „verbotene Frucht" ist eigentlich "peri" (allgemein „Frucht“). Malum hingegen bedeutet sowohl Apfel als auch das Böse (oder Übel). Durch diese Übersetzung des „Baums der Erkenntnis von Gut und Böse“ (lignum scientiae boni et mali) etablierte sich im westlichen Religionsbewusstsein durch diesen sprachlichen Zufall die Darstellung des Apfels als Inbegriff der Sünde, obwohl die Bibel keine spezifische Frucht (auch nicht die Frucht der Lenden) benennt.
In der ödipal-psychoanalytischen Lesart von Genesis 2–3 erscheint der „Herr“ einfach als Vaterinstanz, als Träger von Gesetz, Grenze und Autorität. Das Verbot am Baum markiert dann nicht etwa ein göttliches Gebot, sondern schlicht die Schwelle zwischen kindlicher Abhängigkeit und individueller Eigenständigkeit.
Der Baum der Erkenntnis lässt sich in diesem Rahmen als Symbol der Geschlechtsreife lesen, also als Eintritt in Selbstbewusstsein, Differenzierung und Begehren. Das Öffnen der Augen steht dann nicht für bloßes Wissen, sondern für die Erfahrung von Trennung, Körperlichkeit und der eigenen Position in der Welt.
Die Schlange kann als Impuls der Ablösung verstanden werden: nicht nur als Verführerin, sondern als Kraft, die den Übergang aus der väterlichen Ordnung heraus anstößt. Sie bringt das Begehren nach Eigenständigkeit, Erkenntnis und Selbstbestimmung in Bewegung.
Die Nacktheit von Adam und Eva verweist in dieser Deutung auf den Verlust kindlicher Unmittelbarkeit. Scham entsteht als Zeichen dafür, dass das Subjekt sich selbst und den anderen nun als getrennt wahrnimmt. Bekleidung wird damit zum Symbol sozialer und psychischer Differenz.
Der Baum des Lebens ist auf diese Weise als Symbol von Kontinuität und Generationenfolge, denn Sexualität wird so als Form der Lebensweitergabe gelesen.
Die Vertreibung aus dem Garten wäre folglich keine Strafe, sondern der Preis der Individuation, weil sich Sexualität unter dem Dach der Eltern womöglich gehemmter und weniger frei entfalten kann.
Wilhelm Tell
Insofern ist Schiller's Wilhelm Tell nun eine interessante Figur, wenn man bedenkt, dass Gott als infantiles magisches Denken ein Phantasma Über-Haupt (also über dem kopf) darstellt, dass man, wenn man vom Kind zum Mann wird als Vater-Ersatz entwickeln könnte, jedoch Wilhelm Tell eben dieses seinem Sohn vom Kopf geschossen hat. Amor hätte man diesen Bogenschuss keinesfalls überlassen können, sonst hätte der Sohn seine Mutter als eine Frau geheiratet, die ihren Vater heiraten will.
So wird der Apfel auf dem Kopf des Sohnes zum Symbol für das göttliche Vater-Phantasma: Wie Gott thront der Apfel „über dem Haupt” des Kindes als drohende autoritäre Instanz, die über Leben und Tod entscheidet. Der Schuss ist als Emanzipation zu verstehen: Indem Wilhelm Tell den Apfel herunterschießt, „entthront” er symbolisch diese vom Sohn verleugnete, übergeordnete, allsehende Autorität, die in Wirklichkeit jedoch er (der Sohn) selbst bleiben muss. Auf diese Weise befreit der echte Vater seinen Sohn (und sich selbst) von der willkürlichen Macht des Tyrannen Gessler, der hier als Stellvertreter für einen strafenden, fordernden Gottvater fungiert. Der Übergang zur Mündigkeit besteht darin, das „Phantasma” (den Apfel, malum, Gott) nicht mehr als unantastbare Macht über sich zu dulden, sondern es gezielt zu „treffen” – also durch die eigene Vernunft und Tat zu entmachten. Tell handelt nicht mehr als gehorsames „Kind” Gottes oder des Vogts, sondern als autonomer Vater, der die Verantwortung für das Leben seines Sohnes selbst in die Hand nimmt und ihm dies ebenso ermöglicht.
So wie der Mensch im Paradies durch den „Biss in die Frucht” das naive Vertrauen in die göttliche Autorität verliert, um zum mündigen Ethiker zu werden, schafft Tell durch den Schuss auf den Apfel die Voraussetzung für die politische und menschliche Freiheit. Er zerstört das Idol, um den Raum für eine echte Vater-Sohn-Beziehung (und eine echte menschliche Gemeinschaft ohne Tyrannen) zu öffnen. Der Apfel fällt, und der erwachsene Mensch steht aufrecht da.
Gut und Böse als Damokles-Schwert
Dass Selbstbestimmung Verantwortung erfodert, erzählt Cicero in der Geschichte von Damokles, einem Höfling am Hof des Tyrannen Dionysios I. (oder II.) von Syrakus (4. Jahrhundert v. Chr.). Damokles beneidete den Herrscher überschwänglich um dessen Macht, Reichtum und scheinbares Glück und pries ihn als den glücklichsten aller Sterblichen. Um Damokles die Kehrseite der Macht zu zeigen, lud ihn Dionysios zu einem prächtigen Bankett ein und ließ ihn auf dem goldenen Thron Platz nehmen. Mitten im Gelage blickte Damokles nach oben und entdeckte ein scharfes Schwert, das nur an einem einzigen Pferdehaar befestigt direkt über seinem Kopf schwebte. Die Angst, das Schwert könnte jeden Moment herabstürzen, verdarb ihm alle Freude am Luxus. Er bat den Tyrannen, den Platz wieder verlassen zu dürfen, da er erkannt hatte, dass für den Mächtigen stets eine tödliche Gefahr droht.
Ciceros Punkt war, dass wahres Glück unmöglich ist, solange die Angst vor dem Absturz besteht. In einer von Bigotterie geprägten moralisch hochpolarisierten Atmosphäre lebt die intolerante, degenerierte Mehrheit in Angst: vor dem „Anderen“, vor Vergeltung, vor dem Verlust der eigenen Position. Diese kollektive Angst vergiftet das gesellschaftliche Leben genauso, wie das schwebende Schwert das Bankett des Damokles verdarb. Es ist der Zustand, in dem Vernunft und Dialog (die Werkzeuge zur Lösung von Konflikten) durch die akute Bedrohungslage unmöglich werden.
William verfehlt das Ziel
Das biblische Wort für Sünde, „Chet", bedeutet übrigens wörtlich „das Ziel verfehlen", ein Begriff, der aus dem Bogenschießen stammt.Und anders als bei Schillers Wilhelm Tell, der den Apfel trifft und den Tyrannen stürzt, verfehlt William Burroughs den Apfel und tötet das „Kind" (symbolisch Joan als Mutterfigur und Unschuld). Jener Fehlschuss ist der Moment, in dem er zum „Schriftsteller" wird – ein Pakt mit dem Tod, den das Buch als endloses Schuldbekenntnis zelebriert. In seinem Buch „Naked Lunch" ist die „Wilhelm Tell-Routine" das zentrale, wiederkehrende Motiv, durch das sich der Autor, William S. Burroughs (bzw. sein Alter Ego William Lee) mit dem Tod seiner Frau Joan Vollmer auseinandersetzt.
Denn in der Realität erschoss Burroughs 1951 Joan Vollmer bei einem betrunkenen „Wilhelm-Tell-Spiel" (er zielte auf ein Glas auf ihrem Kopf). In Naked Lunch wird dieses Ereignis nicht linear erzählt, sondern in fragmentarischen, halluzinatorischen „Routinen" immer wieder neu inszeniert. Indem Burroughs die Szene literarisch immer wieder durchspielt, gibt er implizit zu, dass es kein reiner „Unfall" war, sondern ein Akt tiefster Aggression oder ein „Opferritual", das notwendig war, um zum Schriftsteller zu werden. Wie er später in der Einleitung zu Queer schrieb: „Ich bin zu der entsetzlichen Schlussfolgerung gezwungen, dass ich niemals Schriftsteller geworden wäre, wenn Joan nicht gestorben wäre."
Asche auf dem religiösen Haupt
Nachdem Tamar von ihrem Halbbruder Amnon vergewaltigt wurde, zerriss sie ihr Gewand und streute sich Asche auf das Haupt, um ihren Schmerz und ihre Schande auszudrücken. (2. Buch Samuel 13,19)
Die Asche (oft von verbranntem Holz oder Tieropfern) symbolisierte zwei Dinge:
- Vergänglichkeit: Der Mensch ist „Staub und Asche" (wie Abraham in 1. Mose 18,27 sagt) und kehrt nach dem Tod dorthin zurück.
- Selbsterniedrigung: Durch das Bestreuen mit dem wertlosen Staub machte man sich äußerlich klein und unwürdig, um vor Gott oder den Menschen Demut und Reue (Metanoia) zu signalisieren. Oft wurde dies durch das Tragen von grobem Sacktuch („in Sack und Asche gehen") verstärkt.
Die christliche Kirche übernahm diese Erniedrigung zum Erhalt des Phantasmas "Gott" als festes Ritual: Bis heute wird am Aschermittwoch (dem Beginn der Fastenzeit) den Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet, begleitet von den Worten: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub wirst."
Das Versagen der Demut
Selbsterniedrigung als Leidensphilosophie führt zu einer polarisierten Gesellschaft und ist kein adäquater Schutz vor dem „Damoklesschwert”, weil sie als kognitive Verzerrung in einem System wirkt, das nicht auf individueller Moral, sondern auf tribaler Spaltung basiert.
Historisch diente Selbsterniedrigung (Asche auf dem Haupt) dazu, den „Zorn Gottes" (oder eines Herrschers) zu besänftigen, indem man die eigene Machtlosigkeit anerkannte. In der heutigen Polarisierung funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr. Das „Schwert” hängt nicht mehr an der Laune eines Einzelnen (wie bei Dionysios), sondern oft an der kollektiven Wut einer gegnerischen Gruppe. Diese Gruppe sucht keine Reue, sondern Bestätigung durch Kampf. In einer polarisierten Logik („Wir gegen Die”) wird Demut oft nicht als Tugend, sondern als Schwäche interpretiert, die zum weiteren Angriff einlädt. Wer sich selbst erniedrigt, liefert der Gegenseite in ihrer Wahrnehmung nur den Beweis für die eigene Überlegenheit, ohne deren Aggression zu stoppen.
Die Demut gegenüber dem „Wir“ lohnt sich dann, wenn sie als aktive Entscheidung aus innerer Stärke getroffen wird, um das Gemeinschaftswohl zu fördern – und nicht aus Angst oder Unterwerfung.
So ist Demut psychologisch betrachtet nur unter bestimmten Bedingungen ein effektives Konfliktlösungsinstrument:
- Bei stabilem Selbstwert: Echte Demut setzt voraus, dass man sich seiner selbst sicher ist. Nur wer sich nicht bedroht fühlt, kann das eigene Ego zurückstellen, um dem „Wir“ Raum zu geben. Sie wirkt hier als „soziales Schmiermittel“, das Vertrauen stärkt und Vergabung ermöglicht.
- Für gemeinsame Ziele: Wenn eine Gruppe vor einer großen Herausforderung steht (Krise, komplexes Projekt), lohnt sich die Demut des Einzelnen, um die kollektive Intelligenz zu nutzen. Wer zugibt, nicht alles zu wissen („kognitive Demut“), öffnet den Raum für bessere Lösungen der Gruppe.
- Als Abgrenzung zur Unterwerfung: Demut lohnt sich nicht, wenn sie in Unterwerfung umschlägt. Unterwerfung ist passiv und angstgetrieben (das „Sich-Ducken“ vor Macht), während Demut aktiv und freiwillig ist („Dienst am Ganzen“). In toxischen Gruppen, die bedingungslose Loyalität fordern, ist Demut schädlich, da sie zur Ausbeutung führt.