Die zehn Gebote als Maxime der Sklaverei
Autor: Gerd Raudenbusch
Stand: 24.06.2026
Genau genommen entspricht das Verhängen eines Symbols der eigenen erlernten Hilflosigkeit über andere, so wie es gerade in Bayern oder in Texas versucht wird, einem humanistischen Verbrechen. So würden die zehn Gebote in heutigem Bewusstsein nicht etwa aus sondern in die Sklaverei zurück führen - und dies nicht erst seit dem 21. Jahrhundert der Zeitrechnung, die man einer Vogelscheuche auf dem Acker der Freiheit gewidmet hat.
Auf wie vielen Gefängnissen wurde diese Macht gebaut? Wie oft hat sie ihre eigenen Maximen gebrochen, während sie anderen auferlegt wurde?
Die zehn Gebote sprachen nicht mit der Stimme des Lebens, sondern mit der Stimme der Zähmung. Sie setzten voraus, dass der Mensch ein zu bändigendes Tier sei (was er vielleicht sogar einmal war) – doch heute würden diese Gebote nicht das Tier zähmen, sondern durch ihre Überheblichkeit wichtige menschliche Eigenschaften und innere Kräfte amputieren. Herr(scher) und Sklave erscheinen hier nicht als Gegensätze einer Vollform, die sich zu Vernunft erhoben hat, sondern als zwei missratene Halbformen eines Raubtiers: die eine Hälfte erzeugt Gier aus der Verleugnung menschlichen Begehrens und verinnerlicht die zu Recht entstehende räuberische Gewalt als Schuld, die andere Hälfte organisiert diese Gewalt als Ordnung.
Wie auch im Vaterunser dieser Leidensphilosophie erkennbar ist, löst sich jedoch mit dem modernen Menschenverständnis jedes einzelne Gebot zu einem stillen Schuldeingeständnis der Ordnung selbst. Alle zehn Gebote sind von Anfang an gegen ihren Urheber anwendbar und die eigentliche Abart liegt nicht in der Gewalt, sondern in der systematischen Internalisierung von Moral als Trauma, was folgende Tabelle zeigt:
| # | Maxime | Delikt |
|---|---|---|
| 1. Gebot | "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." | Dies entspricht heute dem Diebstahl von Verantwortung und Selbstbestimmung durch die Installation eines patriachalen Phantasmas in paranoider Form. |
| 2. Gebot | "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen." | Dieses auf dem Land des eigenen Bewusstseins gepachtete Fremdland soll nun obendrein sogar einen eigenen Namen haben dürfen: Eine der höchsten Formen von Beleidigungen der eigenen Innerlichkeit jedes Menschen, da dort von Geburt an längst ein Ich mit einem anderen Namen wohnt und zu Hause ist. |
| 3. Gebot | "Du sollst den Feiertag heiligen." | Wenn der Sklave nicht im Angesicht seines Schweißes arbeitet, soll er seinen Machthaber ehren, für den er gearbeitet hat an einem Tag, der das Joch aller anderen Tage des Sklavendaseins rechtfertigt. Was in frühester Geschichte womöglich ein Privileg war, wäre heute reinster Zynismus. |
| 4. Gebot | "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren." | Die Weisheit der Eltern soll zu Halterungen für Marionettenfäden verewigt werden. Eine solche paternalistische Zwangsmoral vergesellschaftet Infantilität und verhaftet das Innere des Menschen als Kind, anstatt zu erlauben, dass er eine Ethik etabliert, welche seine moralischen Ideale weiter entwickelt. |
| 5. Gebot | "Du sollst nicht töten." | Auf dem durch das religiöse Dogma eroberte Stück des menschlischen Bewusstseins stirbt die eigene Innerlichkeit und es besteht die Gefahr, dass der verdorbene Samen, der dort gepflanzt wurde, den Rest des Landes von Selbstbestimmtheit wie Unkraut vernichtet. Der wahre Mörder ist der sogenannte "Herr". Dementgegen selbstverständlich ist für uns heute, dass wir für den Besitz und das Verwenden von Waffen stets Schulung und Kontrolle voraussetzen, die zum Ziel hat, den Verlust eines Lebens bis zuletzt zu verhindern. |
| 6. Gebot | "Du sollst nicht ehebrechen." | "...bis dass der Tod Euch scheidet" ist nicht etwa ein Versprechen, sondern eine Falle, und wohl eine der zwieträchtigsten religiösen Ideen, aus den natürlichen Bedürfnissen des Menschen eine Zeitbombe zu machen, die Schuldimplikation ermöglicht und ihr als letzte Option sogar den Tod (und womöglich sein Herbeiführen) anzuhängen. Denn ein Vertrag, der sich als Ewigkeit tarnt, erzeugt in der Endlichkeit zwangsläufig falsche Ansprüche: Besitz, Kontrolle und moralische Überlegenheit. Das lebendige Verhältnis wird eingefroren und vor einem Herrscher als Pflicht konserviert. Die Liebe des Inneren kann nicht mehr auf natürliche Weise gelebt werden, sondern, es wird versucht, sie zu verhaften und zu verwalten, indem ihr unmenschliche Bedingungen auferlegt werden. |
| 7. Gebot | "Du sollst nicht stehlen." | Wer definiert, was Diebstahl ist? Was ist Eigentum? Der Diebstahl der innerlichen Gesinnungsfreiheit und der Selbstbestimmung durch ein fatalistisches Regime soll dem Führer, dem "Herrn" vorbehalten bleiben und allen, die in seinem Namen heucheln? Den ersten Diebstahl hat offensichtlich dieser "Herr" verübt, denn jeder "Herr" stiehlt den Menschen zu seinem Eigentum. |
| 8. Gebot | "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." | Was ist Wahrheit? Wer bestimmt, was ein falsches Zeugnis ist? Die Maxime hat bereits derjenige an seinem Nächsten gebrochen, der seine Lehre gegen den freien Willen als hierarchisches Machtregime bei ihm installieren will. |
| 9. Gebot | "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus." | Den menschlichen Körper als Haus der Innerlichkeit und des Bewusstseins hätte bereits derjenige besetzt, der anderen sein parasitäres und heuchlerisches Führerprinzip als traumatisches Glaubens-Mem aufoktroyiert und dazu seinen "rechten" Arm über ihre Köpfe hält; der seinen Bekehrungsstachel in Folterkellern durch die Hülle eines Wesens gebohrt hat, um dort sein anthropomorphes trojanisches Pferd zu installieren. |
| 10. Gebot | "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat." | Hier würde heute zuletzt das Begehren selbst kriminalisiert werden. Deleuze würde sagen: Das Begehren ist produktiv, es schafft Verbindungen, Ströme, neue Ordnungen. Doch die Gebote schneiden diese Ströme ab und besetzen den Mangel. Dadurch ist Begehren nicht mehr eine Kraft, sondern sie wird zum Defekt, mit dem Kontrolle legitimiert wird. Wer sich schuldig fühlt, verlangt nach Führung. |
So tragen die Gebote heute nur noch einen historischen Anschein moralischer Reinheit, und sind Archive von Einschließung. Die Moral spricht in absoluten Sätzen, doch ihre Anwendung ist immer selektiv.
Die zehn Gebote sind keine transzendenten Wahrheiten, sondern frühe Instrumente der Verhaftung und der Zähmung – mentale Gitter, die heute nicht nur Handlungen, sondern Möglichkeiten einschränken würden. Das wahre Monopol der Macht liegt in der Liebe jedes Einzelnen, und nicht im Trachten nach Kontrolle. Und es kommt aus dem Gefängnis frei, wer in der Lage ist, den Aberglauben aus der eigenen inneren Dialogsprache zu entlassen und bei Bedarf durch bessere Gebote zu ersetzen.