Über den Moment als Spalt
Ein Essay in sieben Bewegungen
Autor: Gerd Raudenbusch
Stand: 24.09.2026
I. Die Tablette
„Spalt schaltet den Schmerz ab" – dieser Satz des Werbeslogans für eine Kopfschmerztablette der PharmaSGP GmbH bündelt heute mit dem Addendum „,...aber nur auf einer Seite" in seiner banalen Prägnanz die gesamte Struktur politischer Schmerzverwaltung in sich: Die Linderung ist real, jedoch ist sie zugleich die Ursache ihres eigenen Rückfalls, weil sie die Pathologie nicht beseitigt, sondern lediglich in einen Modus der chronischen, dosierten Erträglichkeit überführt. Der Frieden, den wir für selbstverständlich halten, ist kein Zustand der Abwesenheit von Leid, sondern ein Zustand seiner Verwaltung – und Verwaltung ist jene Operation, durch die der Schmerz nicht aufhört, sondern in eine Form übergeht, die er als Normalzustand akzeptiert. Dieser Essay unternimmt den Versuch, den Spalt zu beschreiben, der zwischen der erzeugenden und der lindernden Instanz verläuft, nicht um ihn aufzulösen – eine Aufgabe, die ihm nicht zusteht –, sondern um die strukturelle Unmöglichkeit seiner partiellen Auflösung zu verstehen und die Bedingungen zu benennen, unter denen er überflüssig wird.
II. Die Fehlstellung der Frage
Die ökonomische und sozialwissenschaftliche Evidenz spricht klar dafür: Investitionen in den Menschen – Bildung, Gesundheit, Kompetenzaufbau – sind langfristig die produktivere und stabilere Strategie, während reine Kontrollinvestitionen (Überwachung, Repression, bürokratische Steuerung) die Ursachen der Probleme, die sie bekämpfen sollen, oft verschärfen.
Wirtschaftlich zeigen Studien, dass Bildung über ¾ des langfristigen Wirtschaftswachstums erklärt. Konkret: 20 Mrd. € in deutsche Bildungsinvestitionen könnten langfristig 56,3 Mrd. € an Steuereinnahmen und eingesparten Transferleistungen zurückfließen (IW Köln). Gesundheit wirkt dabei ähnlich – ein 1 %-Anstieg der Bildungsausgaben erhöht die Lebenserwartung um ca. 0,8 %, und die Wirkung auf das Wirtschaftswachstum ist häufig sogar stärker als die des Bildungsgrades (KAS).
Gesellschaftlich bringt eine gebildete, gesunde Bevölkerung politische Teilhabe, sozialen Zusammenhalt, niedrigere Kriminalitätsraten und weniger Abhängigkeit von Sozialtransfers. Die Bertelsmann-Stiftung betont, dass Bildung Entwicklung selbstverantwortlichen Handelns, zivilgesellschaftlichen Verhaltens und staatsbürgerlichen Bewusstseins fördert – genau das, was eine Gesellschaft von innen zusammenhält, ohne dass von außen gesteuert werden muss.
Der Kontrollansatz hat dagegen strukturelle Nachteile: Er erzeugt Abhängigkeit, dämpft Eigeninitiative und Innovationsfähigkeit, und die Kosten skalieren mit der Bevölkerung. Zudem verschiebt er das Problem nur, statt es zu lösen – unterdrückte oder ungebildete Menschen bleiben ein Risiko, das immer wieder neu „gepflegt" werden muss.
Der Mensch als Investitionsobjekt (Bildung, Gesundheit, Kompetenzen) ist ein selbsttragendes, wachsendes Kapital; der Mensch als Kontrollobjekt ist ein laufender Kostenblock, der die gesellschaftliche Resilienz schwächt.
Ein Verhaltensscanner kostet 3,9 Mio. € (Berlin, Testphase 2026–2027), ein neues Bundespolizeigesetz bringt dem Innenminister ~1 Mrd. € mehr Budget. Das ist in einer Legislaturperiode sichtbar: „Wir tun etwas für die Sicherheit." Prävention – Bildung, Armutsbekämpfung, psychische Gesundheitsversorgung – zeigt Ergebnisse erst in 10–20 Jahren und ist politisch kaum darstellbar. Wer heute in Prävention investiert, erntet die Früchte nicht mehr.
Die Überwachungstechnologie der Industrie-Lobby hat einen aktiven Markt mit Skalierungseffekten. Der CCC bemängelt zu Recht, dass der Nutzen dieser Projekte nicht belegt ist und sie sich keiner unabhängigen Prüfung stellen müssen. Trotzdem werden Anbieter „mit Millionenbeträgen gepampert" (CCC, 2026). Das ist derselbe Mechanismus wie im Privatsektor: Wer ein Produkt verkauft, das sich selbst finanziert (mehr Daten → mehr Umsatz), hat einen strukturellen Vorteil gegenüber dem, der ein langfristiges, unsichtbares Ergebnis produziert.
Bernd Maelicke (Sozialwissenschaftler, Autor des Knast-Dilemmas) formuliert: „Die Politiker entscheiden weitgehend nach Kriterien der politischen Opportunität, nicht nach systematischer Qualitäts- und Kostenkontrolle." Überwachung ist wählbar; Ursachenbekämpfung ist es nicht.
Das DIW Berlin (2025) hat zusammengefasst: Bildung, Arbeit und soziale Stabilität reduzieren Kriminalität nachweisbar. Häufigere statt monatlicher Sozialleistungen senken Kriminalität. Die Kombination aus Sozialleistungen und aktiver Arbeitsmarktpolitik wirkt präventiv bei Jugendlichen.
Doch diese Maßnahmen sind komplex, langwierig und schwer zu evaluieren. Die Kriminologie selbst räumt ein: „Die Wahrscheinlichkeit, an der Komplexität der Materie zu scheitern, ist erheblich." Das ist kein Argument gegen Prävention – aber es erklärt, warum sie politisch unterfinanziert bleibt.
Dahingehend ist „Resozialisierung" zynisch, und zwar strukturell, nicht nur rhetorisch. Die Evidenz ist eindeutig:
- Der Strafvollzug kostet in Deutschland ca. 4 Mrd. € pro Jahr (je nach Berechnung 3–6 Mrd.), ein Gefangener kostet ~200 €/Tag.
- ~50 % der Entlassenen werden rückfällig.
- Thomas Galli (ehem. Anstaltsleiter): „80 % der Ressourcen gehen für Sicherung und Kontrolle, nicht für Resozialisierung."
- Galli weiter: „Der Strafvollzug torpediert dieses Ziel."
- Ein ehemaliger Anstaltsleiter gegenüber der SZ: „Das Gefängnis ist kein Ort der Resozialisierung. Gerade bei Leuten, die sozial integriert sind, ist Haft kontraproduktiv."
Der Zynismus liegt nicht in dem Wort „Resozialisierung", sondern im Konstruktionsfehler: Man nimmt einen Menschen aus einer Gesellschaft heraus, die ihn zu einer Straftat getrieben hat (Armut, fehlende Bildung, psychische Erkrankung, Wohnungslosigkeit), sperrt ihn in ein System ein, das diese Probleme verschärft (sozialer Zusammenbruch, Stigmatisierung, fehlende Perspektiven), und nennt es dann „Resozialisierung", wenn man ihn in dieselbe Gesellschaft zurückgibt, die ihn ursprünglich zum Straftäter gemacht hat.
Das bpb-Interview mit einem Gefangenen trifft es: „Das ist wie, wenn ich dich in einer Marskolonie auf das Leben auf der Erde vorbereiten will. Ich werde scheitern."
Die skandinavischen Modelle (Norwegen, Finnland) zeigen, dass es anders geht – nicht weil die Menschen „besser" wären, sondern weil die Institutionen anders aufgesetzt sind: weniger Wegsperrung, mehr ambulante Betreuung, Restitution statt Vergeltung, und vor allem: die Ursachen werden außerhalb des Knasts adressiert, weil man dort ansetzt, wo die Probleme entstehen.
Kurz: Der Staat investiert in Überwachung, weil sie kurzfristig sichtbar, politisch darstellbar und industriell profitabel ist. Er investiert nicht in Ursachen, weil deren Wirkung zu langsam und zu komplex ist, um sie in einen Wahlzyklus zu pressen. Und „Resozialisierung" ist zynisch, weil das System, in das man resozialisiert, genau das ist, das die Menschen zu Straftätern gemacht hat – und das System wird nicht geändert, weil es die Politik beschäftigt, die es aufrechterhält.
So setzt die konventionelle Fragestellung, ob der Staat in Überwachung oder in die Subjektivität seiner Bürger investieren solle, eine Entscheidung voraus, einen Punkt, an dem ein Akteur die eine Option der anderen vorzieht. Es gibt keinen solchen Punkt. Es gibt eine Anreizstruktur, die die Wahl vor dem Wählen trifft: Überwachung ist innerhalb eines Legislaturzyklus darstellbar, industriell skalierbar und politisch kalkulierbar, während Prävention – Bildung, Gesundheitsversorgung, Armutsbekämpfung – erst nach einer Dekade oder zwei ihre Wirkung entfaltet und damit in den Horizont jener Akteure fällt, die die Entscheidung nicht mehr treffen. Wer heute in Prävention investiert, erntet die Früchte nicht mehr; wer heute in Überwachung investiert, kann sie morgen auf einer Pressekonferenz präsentieren. Das ist kein moralisches Versagen. Es ist die strukturelle Asymmetrie zwischen sichtbarer Kurzfristigkeit und unsichtbarer Langfristigkeit, und sie wird durch keine Intention der Beteiligten korrigiert, sondern nur durch eine institutionelle Umgestaltung, die den Zeithorizont der Bewertung verlängert.
III. Die Akkumulationslogik
Shoshana Zuboff hat mit dem Begriff des Überwachungskapitalismus eine Kategorie eingeführt, die über die bloße Beschreibung von Gier oder Missbrauch hinausgeht: Es handelt sich um eine eigenständige Akkumulationslogik, deren zyklischer Charakter – Datenerhebung, Verhaltensvorhersage, gezielte Kommerzialisierung, Umsatzsteigerung, erneute Datenerhebung – keine externe Stoppbedingung besitzt und daher per definitionem expandiert. Der Grenznutzen eines zusätzlichen Datenpunkts ist positiv, seine Grenzkosten sind null; das ist eine asymmetrische Struktur, die in jeder rationalen Entscheidungstheorie zu unendlicher Akkumulation führt, sofern kein externer Constraint gesetzt wird. Der individuelle Akteur innerhalb dieser Struktur – der Manager, der Ingenieur, der Politikberater – ist keine Ursache, sondern ein Effektor: Er handelt so, wie er handelt, weil die institutionelle Architektur jede andere Handlung mit dem Risiko der Elimination belohnt. Das ist keine Entlastung. Es ist die Diagnose: Die Frage lautet nicht, ob die Akteure böse sind, sondern ob die Institutionen so beschaffen sind, dass sie gute Akteure zu bösen machen.
IV. Die Batterie
Jedes menschenverursachte Leid erzeugt Rückwirkungen, die nicht in einer linearen, zeitnahen Rückkopplung ablaufen, sondern in einer Art von Akzumulation – einer Batterie, in der sich emotionale, kognitive und kollektive Energien stauen, ohne dass eine Entladungsfläche vorhanden wäre. Die Entladung erfolgt jedoch nicht in der Form, die eine normative Ordnung verlangen würde: Sie kannin chronische Gewalt auslaufen, in psychische Pathologien, in Flucht –, sie kann sich internisieren – in Depression, in Selbstzerstörung der Unterdrückten –, oder sie kann sich über Generationen verteilen, sodass keine einzelne Kohorte den vollen Druck trägt und folglich auch keine einzelne Kohorte den vollen Druck erkennt. Die Zahlung wird stets gefordert; die Frage ist nur, wer sie leistet und in welcher Form. Die Natur verlangt die Zahlung ohne Rücksicht auf die normative Verteilung. Die menschliche Moral fragt nach der Verteilung. Die Natur jedoch antwortet nicht auf jene moralischen Vorbehalte des Menschen, sondern verlangt schlicht ihr Recht.
V. Die Dekodierung und die Falle der Einbeziehung
Ein System, das Empathie, Zugehörigkeit und gegenseitige Verantwortung systematisch unterdrückt, bekämpft die Grundvoraussetzungen, die den Menschen zum Menschen machen. Das ist kein moralisches Argument – das ist eine ontologische Beobachtung: Wer die Bedingungen seiner eigenen Menschlichkeit zerstört, zerstört sich selbst. Das gilt für den Einzelnen (der, der ausbeutet, verliert etwas an seiner eigenen Empathiefähigkeit) und für die Gesellschaft (die, die ausbeutet, verliert den sozialen Kitt, der sie zusammenhält).
Nach der poststrukturalistischen Aufklärung – jener zweiten, die sich auf den Akt des Aufklärens selbst bezieht und damit die Rekursivität des Beobachtens mit-vollzieht – sind die Batterien und ihre Energien intelligent geworden: Die Betroffenen dekodieren die Umleitung ihrer elementaren Bedürfnisse, sie erkennen die Struktur, in der ihre Not in Nachfrage umkodiert wird, und sie benennen sie, doch die Dekodierung wird ins System zurückkodiert: Die Kritik wird zur Konsumentenstimme, die Wut zum Content, die Enttäuschung zur Marktforschung. Das System muss die Betroffenen nicht mehr täuschen; es muss sie nur einbeziehen. Und Einbezug ist eine günstigere Operation als Täuschung, weil sie keine Aufdeckung riskiert.
Die Reduktion allen Mangels ist das größte Geheimnis, das dafür um jeden Preis des Geldes verleugnet wird, von welchem wir entmündigt wurden, ihn real zu bestimmen.
Mit dieser Aussage stellt der Autor nicht das „größte Geheimnis", dass das System lügt, als Lüge dar, sondern dass die tatsächliche Leistung – die Reduktion von Hunger, Kälte, Krankheit, Gewalt – als illusionärer Mangel kodiert wird, der mit Geld ausgeglichen werden müßte, bzw. überhaupt ausgleichbar ist. Die Entmündigung darin ist nicht epistemisch („wir wissen es nicht"), sondern strukturell: Wir sind entmündigt, den realen Wert der Bedürfnisreduktion zu bestimmen, weil das System ihn nur monetär codieren und versperren kann. Und die Struktur des verursachenden Machtgefälles ist kein epistemisches Defizit, das alleine durch Information korrigiert werden könnte, sondern eine Machtverteilung, die nicht etwa durch bloße Aufklärung verschwinden wird, weil die Betroffenen jetzt handlungsfähig sind, sondern weil das System bereits gar nicht mehr in der Lage ist, auf ihrer Unwissenheit zu operieren, und sich die Spannung von der Achse Täuschung–Widerstand auf die Achse Integration–Resilienz verschiebt, und diese zweite Achse kaum zu durchbrechen ist, weil sie überhaupt kein äußeres, externes Feindbild mehr zu akzeptieren in der Lage ist, gegen welches man sich wehren und kämpfen muss. Dies ist Inhalt des Informationszeitalters.
VI. Der Beobachter und die Polarität
Die systemtheoretische Beobachtung erlaubt formal jede Rekursivitätsordnung, aber jede Ordnung über der zweiten ist eine formale Operation ohne empirischen Gehalt: Der Beobachter dritter Ordnung beobachtet den zweiten dabei, wie er den ersten beobachtet, und bleibt selbst ein Beobachter zweiter Ordnung des zweiten – es gibt keinen Standort außerhalb der Rekursion, nur einen unendlichen Regress, der in der dritten Ordnung seine Grenze erreicht, weil er dort aufhört, etwas zu sehen, und anfängt, etwas zu manipulieren. Die zweite Ordnung ist die letzte, die noch sichtbar ist. Und an diesem Punkt – an der Grenze der Sichtbarkeit – vollzieht sich die Umkehrung, die die gesamte vorhergehende Analyse zusammenfasst: „Meine Herrscher sind meine Sklaven." – was Verkäufer gerne in der bekannten Täter-Opfer-Umkehrungsfloskel „Der Kunde ist König" formulieren, hat Hegels Herr-Diener-Dialektik bereits als die Anerkennungsabhängigkeit des Herrn beschrieben; die hier vorgenommene Umkehrung geht jedoch weiter: Das Leiden des Unterdrückten ist nicht nur die Bedingung der Herrschaft, sondern deren Legitimationsquelle. Ohne die Halbform, die aushält, trägt, produziert, nachgibt, ist die andere Halbform konstitutionslos – sie hat keinen Bezugspunkt, keine Funktion, keine Identität. Die Herrschaft ist keine Einweg-Beziehung, sondern eine Polarität, und beide Pole konstituieren sich gegenseitig. Das erklärt die anomale Stabilität des Systems: Es ist nicht stabil, weil die herrschende Hälfte stark ist, sondern weil die leidende Hälfte sie konstituiert. Die Legitimation fließt aufwärts – vom Leidenden zum Herrschenden – und jede Korrektur, die von oben kommt, ist daher eine Selbstkorrektur, die den Rahmen nicht verlässt, weil sie den Rahmen ist.
VII. Der Kreislauf
Die Auflösung des Spalts ist keine Revolution, weil die Revolution das Schema nur invers macht – der Sklave wird Herr und wird damit selbst Sklave seiner eigenen Herrschaft, der neue Herr braucht den neuen Sklaven, und die Polarität besteht fort, nur mit vertauschten Polen. Die Auflösung ist auch keine Reform, weil die Reform die Verwaltung des Schmerzes fortsetzt und damit die Tablette in unendlicher Dosis weiterreicht. Die Auflösung ist die Aufhebung der Polarität selbst – nicht durch eine der beiden Halbformen, sondern durch die Vernunft, die beide gleichzeitig sieht und über das Räuber-Beute-Schema hinaushebt. In diesem Zustand wird der Schaden nicht eliminiert – ein Ökosystem kennt keinen Zustand ohne Fressen, Sterben, Zersetzung –, sondern er gleicht sich an die natürliche Vergänglichkeit an: zyklisch, begrenzt, regenerativ, fließend. Der Schaden wird zum Teil des Kreislaufs statt zum Akkumulationsprozess. Die Bedingung für diesen Übergang ist nicht Macht, nicht Revolution, nicht Regulierung, sondern bewusste Überlegenheit – die Fähigkeit beider Halbformen, das Schema, in dem sie gefangen sind, zu sehen und es zu verlassen. Das ist keine logische Notwendigkeit, sondern eine praktische Leistung, die institutionelle Voraussetzungen benötigt – Bildung, Teilhabe, Transparenz, Unabhängigkeit der Justiz – und die in jeder Generation erneut vollbracht werden muss, weil sie kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann besitzt, sondern ein Prozess, der sich fortwährend gegen die Rückkehr des Schemas verteidigen muss.
Nachwort
Der Mensch entzieht sich seinem Wachstum nicht; das ist die Prämisse, die die gesamte vorhergehende Analyse vorausgesetzt hat und die hier benannt werden muss, weil sie in der bisherigen Darstellung implizit blieb: Die Verantwortung ist keine Last, die das Subjekt trägt, sondern der Akt, durch den es wird. Wer sie ablegt, ist nicht befreit von ihr, er ist aufgehoben als der, der sie hätte tragen können. Der Entzug davon ist keine Option innerhalb des menschlichen Horizonts, denn Verantwortung ist die Aufhebung jenes Horizonts selbst.
„Spalt" ist daher keine Pathologie, die es zu beseitigen gälte, sondern eine lebendige, positive Entwicklungsspannung als Gefühl und Moment, in dem eine Form noch nicht die nächste ist, aber bereits nicht mehr die vorherige, und in dem der Übergang als Tiefe und nicht als Schmerz erfahren wird, weil er die Verkörperung jener Differenzierung ist, die eben jede Form vollzieht, um nicht stagnierend zu verharren. Der Schmerz, ist nur solange das Symptom eines kranken Systems, solange er nicht als Kraft Bewegung, Transformation und Wachstum antreibt, wo Verantwortung der Name ist, den der Mensch dem Akt seiner eigenen Fortbildung gibt.
Die deterministischen Verfallsnarrative – jener Typus, der z.B. in Spenglers Untergang des Abendlandes seine kanonische Form gefunden hat und der seither in unzähligen Varianten reproduziert wird – setzen voraus, dass das System eine eigene Dynamik besitzt, die über den Menschen hinauswächst und ihn schließlich konsumiert. Doch diese Prämisse ist ontologisch falsch, denn das System hat keine eigene, unabhängige Dynamik, es hat unsere, die seiner Menschen. Es ist die Form, in der unser Wachstum sichtbar wird, und wenn es bricht, dann nicht, weil es zu stark geworden ist, sondern weil es nicht mehr trägt, was wir geworden sind. Bruch ist keine Strafe, sondern Konsequenz eines Wachstums, das seine ursprüngliche Form überstiegen hat, und die Form bricht, weil sie nicht mehr die unsere ist, wir gleich einem paar alter Schuhe nicht mehr hineinpassen, um darin fortzuschreiten.
Die Frage lautet daher nicht, ob ein System den Menschen je überwältigen wird, sondern ob der Mensch das Wachsen aufbringt, das die Form erfordert, und er bringt es nicht auf, weil er muss, sondern weil er kann, und weil das Können die Bedingung seines eigenen Seins ist. Dort ist Verantwortung nicht das, was der Mensch tut, sondern, was der Mensch ist, indem er tut, ohne das diesem Tun ein fremder Zweck auferlegbar ist: ein fließendes Dawerden des Seins. Und weil er ist, indem er tut, kann er sich dem Tun nicht entziehen, ohne sich dem Sein zu entziehen – und das ist kein Tun mehr, sondern Aufhören.
„Spalt schaltet den Schmerz ab", so der Slogan, aber er schaltet ihn in einer Form ab, die Schmerz erzeugt. Jener dissonante Spalt ist jedoch keineswegs mehr ein Problem, das es zu lösen gälte, sondern ein Name für ein vormaliges Machtvakuum geworden, welches der Mensch im Dawerden eingenommen hat. Auch ohne Gödel stellt seine Unvollendetheit die einzig mögliche Form dar, in der Verantwortung möglich ist, weil ein vollendetes Subjekt nichts mehr verantworten würde, was noch aussteht. Die Tablette, die einen solchen Schmerz abschaltete, wäre daher nicht die Lösung, sondern Betäubung eines „Symptoms", das seinem Wachstum entspricht, welches sich vollzieht, und der Moment, in dem man sie nicht mehr einnimmt, ist nicht der Moment der Befreiung vom Schmerz, sondern der Moment, in dem der natürliche Überfluss den Schmerz beginnt, überflüssig werden zu lassen, weil die Form, die ihn erzeugt hat, aufgehoben wurde zugunsten einer überlegeneren Form, die diesen nicht mehr benötigt und losgelassen hat.